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8. Mai 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 19 Ausgabe: Nr. 19 » May 8, 2008

Agenda 2048

May 8, 2008
Editorial von Yves Kugelmann

60 Jahre Einsamkeit. 60 Jahre Krieg. 60 Jahre unerfüllte Sehnsucht nach Frieden. 60 Jahre Schöpfung, Prosperität, Dynamik. 60 Jahre zwischen Abgrund und Aufbruch, zwischen Scheitern und Überleben, zwischen innerer Spaltung und äusserer Bedrohung, zwischen Recht und Unrecht in einer Region, da Gerechtigkeit nie für alle Seiten das Gleiche bedeuten wird.

60 Jahre Bruderschaft. 1948 war keine Revolution, sondern die jüdische Kapitulation vor Europa und somit vor einem Urquell jüdischer Kultur, Sozialisation, Geschichte. 1948 war die jüdische Kapitulation vor 1798, die jüdische Kapitulation vor falsch verstandener Emanzipation. 1948 war die Implosion nach der Katastrophe von 1939 und letztlich die manifestierte Spaltung zwischen Jüdinnen und Juden. Jenen, die nach Israel mussten, wollten, durften. Jenen, die nicht nach Israel mussten, wollten, durften. 1948 formulierte die Frage nach der jüdischen Heimat neu und gab für viele zugleich auch die Antwort. Und 1948 war der Anfang einer unvergleichlichen Integrationsgeschichte, die nun auf die nichtjüdischen Israeli ausgeweitert werden sollte.

60 Jahre Politik. Auch am 60. Jahrestag seiner Gründung verstellt die Politik den Blick auf die Errungenschaften Israels. An Stelle von Schlagzeilen über eine vitale und funktionierende multikulturelle Zivilgesellschaft, über das Wirtschaftswunder oder den kulturellen Schmelztiegel überschatten die erneuten Korruptionsvorwürfe gegen Ehud Olmert das Jubiläum. In der Schweiz versucht Aussenministerin Micheline Calmy-Rey das Paradestück, einen diplomatischen Streit mit Israel nach dem anderen auszulösen, von Israel ständig mehr zu fordern als von allen anderen Nationen sonst, aber zum Thema Menschenrechte in den Fällen von Iran, China, Russland notorisch zu schweigen. Noch bis vor Kurzem hätte es die Schweiz in der Hand gehabt, hinter den Kulissen im Nahostkonflikt Lösungsansätze herbeiführen zu können. Nun hat sich die Schweiz auf lange Zeit als Vermittlerin unmöglich gemacht.

60 Jahre Solidarität. Die mitunter kritische Solidarität der jüdischen Gemeinschaft mit Israel ist ungebrochen und zeigt sich in engagierten Debatten. Die Debatte um Israel unter Juden ist kein Keil, sondern Teil der Solidarisierung beider mit beiden. Während die Welt mit einem politischen Auge auf Israels Jubiläum blickt, stellt sich für Israeli und Juden die Frage, wie sich beide künftig zueinander stellen wollen und sollen, ohne die andere Seite zu degradieren. Juden ausserhalb und in Israel müssen zueinander finden, indem sie sich voneinander emanzipieren, sie müssen zu einem Wertekern frei von Ideologien finden.

60 Jahre Herausforderung. Israel lebt. Israel blüht und wird fortan weiterstrahlen. Das Land wird sich bis zum Hundertsten im Jahre 2048 in einer vollends neuen geopolitischen Situation wiederfinden. Daher wird wichtig sein, dass Israel sich von falschen Freunden löst und den wahren Feinden Paroli bietet. Die Gleichberechtigung aller Bürgerinnen und Bürger, die Trennung von Staat und Religion, die Stärkung der Sozialwerke durch die Politik und eine Lösung mit den Palästinensern wird Israels Politiker in den kommenden Jahren weiterhin herausfordern. Auf dass vollendet werde, was in der Unabhängigkeitserklärung verkündet wurde: «Der Staat Israel (…) wird sich der Entwicklung des Landes zum Wohle aller seiner Bewohner widmen. Er wird auf Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden im Sinne der Visionen der Propheten Israels gestützt sein. Er wird all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht, soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen. Er wird Glaubens- und Gewissensfreiheit, Freiheit der Sprache, Erziehung und Kultur gewährleisten, die heiligen Stätten unter seinen Schutz nehmen und den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen treu bleiben.»





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