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7. Mai 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 5 Ausgabe: Nr. 5 » May 7, 2008

Verändert hat sich wenig

Nir Baram, May 7, 2008
Ist der Anspruch auf ein jüdisch-nationales Israel heute noch zeitgemäss? Der erfolgreiche israelische Autor Nir Baram wirft einen kritischen Blick auf die Gesellschaft, in der er lebt und schreibt.

Von Nir Baram

In der Regel gilt die Unabhängigkeit des Intellektuellen als zentraler Bestandteil seiner Substanz. Politiker denken in Abständen. Sind sie an der Macht, beschäftigen sie sich mit Dynamik, Kreativität und Überleben. Werden sie aber in die Wüste der Opposition verbannt, wechseln sie in einen Zustand des Nachdenkens und des Überdenkens. Sie gründen Debattierkreise und ideologische Versammlungen. Von Intellektuellen dagegen erwartet man ständiges Denken und Erneuern. Ihr wichtigstes Wesensmerkmal ist die Fähigkeit, nachzudenken und anschliessend -ihre Überlegungen der Welt mitzuteilen.

Israels 60-Jahr-Feierlichkeiten bieten eine willkommene Gelegenheit, die schwierigsten Fragen aufzuwerfen, mit denen das Land konfrontiert wird, und zu prüfen, ob sich neue Lösungen für sie finden lassen. Schon hier entschuldige ich mich bei den werten Leserinnen und Lesern, sollte das von mir entworfene Bild sie traurig stimmen. Vielleicht eignen sich Feierlichkeiten auch einfach bestens für eine Bestandesaufnahme.

Die jüdisch-israelische Nationalität

Die jüdisch-israelische Nationalität ist – zumindest nach Ansicht des Verfassers dieser Zeilen – die spannendste und explosivste Frage, mit welcher Israel sich in den kommenden Jahren auseinanderzusetzen hat. Die Mehrheit der Israeli weigert sich, die Tatsache anzuerkennen, dass die ihnen so teure Nationalität und der jüdische Staat auf der Karte der nationalen Gefühlswerte in der demokratisch-liberalen Welt etwas Aussergewöhnliches sind. In allen national-liberalen Staaten existiert eine der Politik und Kultur übergeordnete Identität, welche alle Bürger des Staates miteinschliesst und verbindet. Alle wissen beispielsweise, dass die in Grossbritannien dominierende Kultur die englische Kultur ist. Kein britischer Intellektueller oder Politiker würde aber verkünden, dass Grossbritannien ein «englischer und demokratischer» Staat ist. Das hat nicht nur damit zu tun, dass alle bereits eingebürgerten Einwanderer aus Indien und Pakistan vom aufgeklärten Publikum als Briten angesehen werden, sondern auch damit, dass Schotten und Waliser innert 24 Stunden nach einer allfälligen Definition des Landes als «englisch und demokratisch» eine Revolution gegen die neue «englische Demokratie» vom Zaune brechen würden. Auch Spanien ist nicht «spanisch-demokratisch». Obwohl wir alle wissen, dass dort die spanische Kultur und Sprache dominieren, betonen die Spanier immer wieder, dass Spanien allen Spaniern gehört. Dennoch sind kulturelle Minderheiten nicht immer zufrieden mit der alle verbindenden übergeordneten Identität und mit dieser Dominanz, die in der Vergangenheit nicht immer genügend grosszügig war. Obwohl die Hauptreligion in Frankreich katholisch ist, würde kein französischer Politiker des Zentrums fordern, dass Frankreich, wolle es sein Erbe bewahren, betonen müsse, «katholisch und demokratisch» zu sein.

Das integrativ-pluralistische nordamerikanische Vorbild, die eigentliche Quelle der Kraft der USA, wird von allen Anhängern der «jüdischen Demokratie» selbstredend abgelehnt. Die manchmal amüsanten Paradoxe, welche die jüdisch-israelische Nationalität beinhalten, verdienen eine nähere Betrachtung. Ein eingeschworener säkularer Israeli wird in sein Kollektiv Menschen aufnehmen, denen die israelische Alltagskultur völlig fremd ist, vorausgesetzt, sie haben eine rasche oder langsame Turbo-Konversion absolviert. Hebräisch sprechende Israeli, Kinder von Gastarbeitern oder arabischen Bürgern, werden für ihn dagegen weiterhin vollständig von der übergeordneten staatlichen Identität ausgeschlossen bleiben. Wenn du willst, dass der Staat auch dein Staat wird, dann vollziehe den Übertritt. Du glaubst an einen anderen Gott? Das ist dein Problem. Du musst an meinen Gott glauben, auch wenn ich selber natürlich nicht an ihn glaube.

Eines der zentralen Probleme der israelischen Nationalität ist jenes dem Auge verborgene System von Interpretationen, von dem man nicht spricht. Ich denke da zum Beispiel an den Glauben an den ewigen Blutsbund zwischen Juden. Hier liegt der Hase der Verwirrung im Pfeffer. Denn der Glaube an die genetische Kette, der in der hartnäckigen Suche nach dem jüdischen Gen durch die vom Staat eingesetzten offiziellen Stellen zum Ausdruck gelangt, fesselt uns an den Begriff der jüdischen Volksrasse und besiegelt das Schicksal eines jeden Nichtjuden, von der gemeinsamen übergeordneten Identität in Israel ausgeschlossen zu bleiben.

Die Frage ist: Müssen wir wirklich so leben? Hier in Israel entstand doch eine israelische Identität mit jüdischen Eigenschaften und ebensolcher Hegemonie. Sie schuf die goldene Gelegenheit, die Existenz einer gemeinsamen und toleranten Nationalität zu ermöglichen. In welchem anderen Land der Welt kann ein Mensch, der die Sprache spricht, die Kultur kennt, sich am Aufbau beteiligt und sich in allen Gassen und Winkeln zurechtfindet, nicht Bürger sein, nur weil er an einen anderen Gott glaubt oder dem falschen Mutterleib entsprungen ist?

Menschen mit einer toleranten Einstellung beklagen sich ständig über die Immigrationspolizei und über die Art, wie sie mit in Israel lebenden Gastarbeitern umgeht. Begreifen diese Toleranten denn nicht, dass ein Nichtjude, sagen wir ein Gastarbeiter, sein Los auch dann nicht an das unsere knüpfen kann, wenn er dieses Land von ganzem Herzen liebt und bereit ist, sein Leben dafür zu opfern, während ein antizionistischer Rabbiner, der Israel nie besucht hat, hier erscheinen und im Handumdrehen Bürger werden, an Wahlen teilnehmen und dann sofort wieder verschwinden kann? Das ist wie ein Virus im israelischen Nationalbewusstsein.

Die jüdische Nationalbewegung hat die dynamische israelische Kultur geschaffen, doch verhält sie sich ihrem eigenen Produkt gegenüber weiterhin wie gegenüber einem Bastard. In einem spannenden historischen Prozess entstanden im Staate Israel eine einschliessende Kultur und Identität, die sich wesentlich von allen bisherigen kulturellen Arten in der jüdischen Religion unterscheiden. Niemand will diese aufgeben oder verdrängen, doch kann diese Tradition nicht die exklusive Basis für die Identität und Bürgerschaft im Staate Israel sein, dessen Einwohner mehrheitlich säkular sind.

Jetzt, da die Kultur ihren 60. Geburtstag feiert, muss sie beginnen, all diese ethno-biologischen und ethno-religiösen Auswüchse in den Ruhestand zu versetzen, die sich ihr in den schweren Anfangszeiten angeheftet hatten. Israels Kraft wird in den kommenden Jahren nicht von der Förderung jener Furcht vor «Mischehen» herrühren oder von der Erteilung der Bürgerschaft an Gastarbeiter, sondern von der Entwicklung einer erreichbaren Identität, welche jenen zahlreichen Menschen eine Situation der Gleichberechtigung bieten könnte, die ein Teil von uns sein oder die ihre Kultur mit uns teilen wollen. Jeder Mensch mit einem freien Denkvermögen muss sich die folgende einfache Frage stellen: Wollen wir eine ethno-biologische und ethno-religiöse Bürgerschaft, wie sie vor Generationen in Zentral- und Osteuropa dominierend war, oder ein israelisches Nationalbewusstsein, das den Nationalstaaten in Westeuropa und Amerika gleicht und das Frauen und Männern, einfacher ausgedrückt: Menschen ermöglicht, sich ihm anzuschliessen?

Folgendes muss unterstrichen werden: Angesichts der schmerzvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts muss der Staat Israel weiterhin ein Zufluchtshafen für alle Juden sein, die wegen ihrer Abstammung oder ihres Glaubens verfolgt werden – diese kritische Versicherungspolice muss weiter bestehen bleiben, ebenso wie die Identifizierung des Staates Israel mit den jüdischen Gemeinden in der Welt absolut legitim ist. Dessen ungeachtet muss man sich allerdings fragen, ob Israel, will es ein demokratischer Staat sein, logischerweise nicht danach streben müsste, allen heute in seinen Grenzen lebenden Menschen ein wirkliches Heim zu bieten?

Heute gilt, dass jeder Mensch, der nicht als Jude identifiziert ist, immer als Gefahr für das Gesamtwerk dargestellt wird, als potenzieller Feind, sei dies nun ein Gastarbeiter oder ein Araber. Diese paranoide Politik ist dazu angetan, Israels Zukunft zu gefährden. Als ein Mensch, der sich Sorgen um das Schicksal Israels macht und der sehr gerne sehen würde, wie der Staat seinen 100. Geburtstag feiert, glaube ich nicht, dass es länger möglich ist – und sicher nicht ohne eine tiefschürfende, schmerzvolle Debatte –, gegen unseren Willen an einem Konzept festzuhalten, das darauf beharrt, die Zeiger der Uhr rückwärts zu bewegen. Die Uhr tickt vorwärts, und manchmal macht es den Anschein, als ob das israelische Nationalbewusstsein es vorzieht, sich selber blind zu stellen. In Israel gibt es mehr als genug Wächter, die sich von jeder neuen Idee, von jedem wirklich israelischen Gedanken bedroht fühlen. Gerade aber weil schon lange kein klar denkender Mensch mehr an der Existenz des Staates Israel zweifelt, ist es an der Zeit, ein neues Konzept für die israelische Nationalität zu entwickeln.

Der israelische Säkularismus

Der israelische Säkularismus bediente sich und schöpfte viel aus der Rechtfertigung und Interpretation der Geschichte durch die Generation der Giganten wie Ben Gurion, Jabotinsky oder Chaim Weizmann und ihrer Auslegungen des Zionismus, welche die Verbindung herstellten zwischen der biblischen Vergangenheit und der israelischen Gegenwart. Ben Gurion, ein grosser Freund der Eroberungsfeldzüge Josuas, sprach deutlich von einer messianischen Vision und gründete zusammen mit Benzion Dinur (Bildungsminister und Historiker der Diaspora, die er gleichzeitig schärfstens ablehnte) einen Lernkreis für Bibelfreunde. Zusammen gestalteten sie die Kette zwischen der biblischen Vergangenheit und der israelischen Gegenwart (vom Tanach zum Palmach), wobei sie die ganze prächtige jüdische Kultur übersprangen, die sich im zweiten nachchristlichen Jahrtausend in Europa und den arabischen Ländern herangebildet hatte. Das heisst, dass der Anspruch auf Erez Israel selbstverständlich im Namen aller Generationen des jüdischen Volkes erhoben wurde, und namens der Generation der Sabarim (in Israel geborene Menschen), die geprägt worden war durch den schrecklichen Krieg von 1948, und die in den Existenzkriegen von 1967 und 1973 um das jüdische Schicksal kämpfte. Da kristallisierte sich für sie die Erkenntnis heraus, jüdisch-israelisch zu sein.

Hier trat nun der religiöse Zionismus unter der geistigen Leitung von Raw Zvi Yehuda Hacohen Kook auf den Plan und begann, in der Westbank und im Gaza-streifen die zweite Phase des Zionismus zu verwirklichen: die Siedlungen. Noch im Jahre 1967, wenige Wochen vor Ausbruch des damals als Existenzbedrohung empfundenen Krieges, sprach Raw Kook in der Jeschiwa Merkaz Haraw und fragte voller Emotionen: «Haben wir die Gebiete Erez Israels vergessen? Wo ist unser Jericho? Und wo ist unser Hebron? Und wo ist unser Sch’chem (Nablus, Anm. d. Red.)? Haben wir das wirklich vergessen?» Keine Sorgen. Raw Kook wollte und Raw Kook wird bekommen.

Und wenn sein Vater, Raw Avraham Izhak Hacohen Kook schrieb: «Israel unter den Völkern, Erez Israel unter den Ländern …», was so viel heisst wie dass wir nicht befreit sind von den Pflichten von Rechenschaft und Moral und dass wir nicht über den in der Welt akzeptierten Normen stehen, dann lebte sein Sohn den religiösen Zionismus in einer schwindelerregenden Art und Weise, indem er die Gedanken des Vaters beiseitedrängte, weil er der Auffassung war, die Staatsgründung, der Sieg von 1967 und die Eroberung von Teilen des Heiligen Landes würden die «Ära der Erlösung» symbolisieren. Warum haben sich diesem Konzept nicht starke Kräfte entgegengestellt, die verstanden hatten, in welche Katastrophe die Siedlungspolitik führen würde? Nun, nach dem Krieg von 1967 versiegte effektiv der ideologische Treibstoff, welcher den israelischen Säkularismus in Bewegung gehalten hatte. Die Ziele waren erreicht worden: Der Staat war fest verwurzelt, die Armee hatte ihre Überlegenheit bewiesen, die Wirtschaft begann, erste Anzeichen einer westlichen Wirtschaft zu zeigen – die Juden wollten einen blühenden Staat, und sie haben ihn erhalten.

Und der Säkularismus?

Seit 1967 sind wir Zeugen einer scharfen Krise des säkularen Zionismus, dem nach der Verankerung des Staates Israel die positiven Zielsetzungen ausgegangen waren. Ja, man kann die Bruchlinie im Jahre 1967 einzeichnen, in dem aus historischer Sicht der grösste Verlust des säkularen Zionismus stattfand. Seit den 1970er Jahren muss der israelische Säkularismus sich nicht nur mit dem «grossen Projekt» der Siedler auseinandersetzen, sondern auch mit dem eigenen historischen Denken, mit der instrumentalen Verwendung der fernen jüdischen Geschichte. Effektiv hat der religiöse Zionismus vom säkularen Zionismus die instrumentale Verwendung für die «Geschichten der Bibel» übernommen, und die Säkularen mussten sich in ihrem Herzen eingestehen, dass die das israelische Nationalgefühl in den letzten Jahrzehnten durchdringende messianische Vision keine Erfindung des religiösen Zionismus war. Ben Gurion entwickelte sie noch vor dem Auftreten des ersten Siedlers. Und vielleicht lässt sich der Grund für die Schwächung der Säkularen und der Linken in den vergangenen Jahrzehnten noch klarer so formulieren: Effektiv ist es sonnenklar, dass die von den Siedlern verbreitete Botschaft nicht nur ihre eigene Botschaft ist. Ganz tief und bedauerlicherweise ist sie auch unsere Botschaft.

Die Idee des «zweiten Zionismus» nach 1967 hätte die Errichtung einer zivilen, pluralistischen Gesellschaft sein können, also die Befreiung der israelischen Gesellschaft von der ethnischen Bürde, um eine egalitäre, nicht rassistische Gesellschaft entstehen zu lassen. Wäre es dazu gekommen, wäre das die neue Idee gewesen, die beispielsweise auch die konsequente Integration der israelischen Araber in unsere gesellschaftliche Textur beinhaltet hätte, wäre es möglich gewesen, das messianische Judentum der Siedler zu bekämpfen. Die jüdische Exklusivität der israelischen Gesellschaft als Ganzes aber erschüttert auch den letzten Rest einer universalistisch-humanistischen Weltanschauung und verunmöglicht die Einnahme einer toleranten Position einem Menschen als Menschen gegenüber oder das Befolgen der klassischen Verhaltensweisen einer Moral-Philosophie. Hier in Israel lautet die erste und entscheidende Frage immer noch: Bist du Jude oder nicht?

Im Moment, da der säkulare Zionismus es nach dem Krieg von 1967 nicht verstand, eine Alternative zu diesem Konzept zu schaffen, sondern weiter fortfuhr – mit wachsendem Widerwillen, man muss es zugeben – das ethnisch-jüdische Gespräch nachzustottern, sind ihm effektiv die Worte ausgegangen. Die ideologische Wiederbelebung des säkularen Zionismus ist meiner Meinung nach im ersten Teil dieses Artikels enthalten. Das neue Ziel: ein konsequenter Kampf um eine stufenweise Veränderung der Art, wie die israelische Nationalität ihre Identität anpasst, dem Hinzuziehen neuer Elemente zustimmt und wie er den anderen sieht. In anderen Worten, die positive Verwirklichung der Haltung Raw Kooks senior: «Israel unter den Völkern.»

Mein Wohnviertel und der Kapitalismus

In den siebziger Jahren offenbarte sich ein neuer Gott den säkularen Israeli: der Kapitalismus. Hier sollte ich vielleicht etwas über das Viertel erzählen, in dem ich aufwuchs: Bet Hakerem ist ein Quartier im Westen Jerusalems. In den achtziger Jahren, als ich ein Kind war, liess sich die Mehrheit der erwachsenen Bevölkerung wie folgt umschreiben: Säkular, mit akademischer Ausbildung, viele von ihnen ehemalige Kibbuzbewohner, der Arbeitspartei oder der Mapam verbunden, Vertreter liberaler Ansichten, Sozialisten eigener Prägung wie ihre Eltern.

In den achtziger Jahren war Bet Hakerem weit weg vom Kibbuz. Israels neue Wirtschaft zerstörte die Kindheitsträume der Generation der Eltern, die mit ausgetrockneter Kehle an Abenden die Texte der Jugendbewegungen von Gleichberechtigung und Gerechtigkeit gesungen hatten. Die neue Wirtschaft zerlegte die alte Welt in ihre Teilchen, und es ist unmöglich, sie wieder zusammenzusetzen.

Allerdings ist in der Generation unserer Eltern noch etwas von jener moralischen Haltung übrig geblieben, von jenem Lebensstil, den Kinder und Teenager von ihren sozialistischen Eltern vermittelt bekamen, von den Zeitungen und Publika-tionen der Mapai und Mapam, von der wiederholten Lektüre der Schriften Berl Katzenelsons, A. D. Gordons, Altermans und Shlonskys und von den Übersetzungen der Grossen des sozialistischen Realismus´ Russlands. Der Staat veränderte sich aber vor ihren Augen. Die natürliche und spontane Kauffreude hackte die geballte Hand der Mapai ab und begrub sie, wahrscheinlich für immer. Sie erlernten das Vergnügen, dass das Kaufen nicht wirklich benötigter Güter bereitete. Auf die Autos, die Farbfernseher, die Videoapparate, die neuen Kühlschränke folgten die Lautsprecher für den Wagen, die Espressomaschinen, die elektrischen Vorhänge, die immer kleineren Computer. Die Kinder wollten Nike, Nike Air, Nike Air Gordon, Levys 501, sie wollten sich in den Strassen Londons tummeln, New York sehen, das Dallas der Ewings und das Denver der Carringtons. Entgegen den Prognosen und entgegen dem Slogan «Wir werden die Häuser der Bourgeoisie verbrennen», der an den 1.-Mai-Paraden aus hingebungsvollen Kehlen emporgestiegen war, hatten die Eltern zunächst genügend Geld, um die Tore der Bourgeoisie zu durchschreiten.

Und die Bourgeoisie, ist sie letzten Endes nicht eine nette Sache? Wie viele Generationen, die nicht in den richtigen Status hineingeboren worden sind, ohne -Erfahrung in Geldsachen oder blind für einmalige Gelegenheiten, hofften nicht auf einen heissen Windstoss, der sie ganz nach oben tragen würde, und blickten nicht mit lüsternen Augen auf das Bürgertum?

Welches Schicksal wartet aber auf jene, die sich in Scham und Schuld der Bourgeoisie anschliessen? Auf jene, die einen Grossteil der Zeit darauf verwenden, ihre neue Identität zu verleugnen? Die Wirtschaft der achtziger Jahre polsterte unsere Eltern zwar zu deren Zufriedenheit aus, aber der angespannte, zornige Gesichtsausdruck, den man im Kibbuz jenen widmet, die sich vor der Arbeit drücken, bleibt auch in der neuen Welt ihr Identitätsausweis. Sie machten das «Wumm» der neuen Wirtschaft mit, aber innerlich erstarrt und offensichtlich ohne Alternative. Amerika schlich sich mit unerträglicher Hartnäckigkeit in ihr Leben ein und erobert immer weiter Gebiete der sich entleerenden Symbole der Vergangenheit: Soap Operas am Fernsehen, Kinofilme und davor Werbung, Aridors Wirtschaft, Plakate in grellen Farben an den Wänden der Kinderzimmer, fordernde Einkaufslisten, die man vor Auslandsreisen in die Kitteltaschen gesteckt bekommt. Die Eltern ihrerseits versteiften sich darauf, die Existenz der neuen Welt zu leugnen, und glaubten an die Möglichkeit der Schaffung einer Art Zeitlupenwelt, in der Vergangenheit und Gegenwart sich treffen und einen Kompromiss kreieren würden, eine Art «non-paper» zwischen Amerika und den Werten des Kibbuz.

Das war mein Wohnviertel, in dem man effektiv den Übergang von der sozialistischen Weltanschauung zu jenem alles verschlingenden amerikanischen Kapitalismus verfolgen konnte.

Likud und Arbeitspartei

Und wie sieht das mit dem Kapitalismus nun in Israel gesamthaft aus? 1977 gelangte der Likud an die Macht. In den ersten Jahren lancierte die neue Regierungspartei kosmetische Initiativen (die ein wenig an die Gesten von Juan und Evita Peron in Argentinien erinnerten), die darauf abzielten, die schwachen Schichten orientalischen Ursprungs zufriedenzustellen, die sie an die Macht gebracht hatten und nun eine Gegenleistung erwarteten: Das Projekt der Rehabilitierung der Wohnquartiere, Steuersenkungen für erwünschte Güter (in den Jahren 1978 bis 1984 nahmen die Autokäufe um 30, jene von elektronischen Apparaten wie Fernsehern, Kühlschränken und Waschmaschinen um 20 Prozent zu) und die Schaffung eines allgemeinen Gefühls, wonach Juden orientalischen Ursprungs die Möglichkeiten hatten, führende Positionen in der Gesellschaft zu versehen und ihre wirtschaftliche Stellung zu verbessern. Angesichts des Gesagten verfiel der Likud (und mit ihm der Staat) wenig überraschend einem Höhenkoller, als der Liba-non-Krieg das israelische Volk erschütterte, die Börse 1983 zusammenbrach und die Inflation in den Himmel stieg. 1984 tat sich der Likud, der dank der Orientalen an die Macht gelangt war, mit der Arbeitspartei, der Vertreterin der aschkenasischen Bourgeoisie, zusammen. Man bildete eine Einheitsregierung, deren Ziel, wen wundert es, die Rettung des Staates war.

Am 1. Juli 1985 wurde das von Regierungschef Shimon Peres und Finanzminister Itzhak Modai entworfene Programm zur Konsolidierung der Wirtschaft verabschiedet. Das Programm von 1985 führte zu wesentlichen Strukturveränderungen in der israelischen Wirtschaft. Vor allem hatte es eine klare, zukunftsweisende Richtung, eine Art von gelben Wegsteinen, nur dass dieses Mal am Ende kein Zauberer wartete, sondern der Vollzugsbeamte. Das Programm räumte den Arbeitgebern präzedenzlose Erleichterungen ein (deren kumulierter Wert sich seither auf zehn Milliarden Schekel beläuft) und beschnitt die Position der Festangestellten im öffentlichen Sektor. Von da an kamen die Personalfirmen und individuelle Verträge immer mehr auf, und Begriffe wie organisierte Arbeit wurden zu Schimpfwörtern. Die USA unter Reagan liehen der israelischen Provinz 1,5 Milliarden Dollar und forderten im Gegenzug, dass das Programm, das Gunst in den Augen der Amerikaner gefunden hatte, vollumfänglich verwirklicht würde.

Natürlich stand das Wirtschaftsprogramm von 1985 nicht alleine da. Es war vielmehr Bestandteil eines generellen Trends in der israelischen Wirtschaft (individuelle Verträge statt Gesamtarbeitsverträgen, Kotierung israelischer Gesellschaften an der Börse, Exponierung des israelischen Marktes dem Weltmarkt gegenüber, Privatisierung). Dennoch war das Jahr 1985 das wichtigste für alles, was mit der Weichenstellung für den israelischen Markt zusammenhängt. 1985 symbolisiert die Ära, in der Israel zu einer erklärt kapitalistischen Wirtschaftspolitik übergeht und in der schrittweise und mit der Zustimmung aller Regierungschefs seither (Shamir, Peres, Rabin, Netanyahu) die sozialistischen Anmassungen Israels beseitigt werden. Zudem werden amerikanische Wirtschaftsordnungen eingeführt, zusammen mit einer Rhetorik, welche die Prinzipien des Sozialismus bewusst ins Lächerliche zieht.

Abwanderung in den Privatsektor

Die vom Likud und der Arbeitspartei erbrachte Gegenleistung bestand in einer Trennung zwischen dem «Staat» und der aschkenasischen Bourgeoisie, die in den achtziger Jahren anfing, sich vor allem um die eigenen Interessen zu kümmern. Die neue Wirtschaft wertete den Status des Bürgertums gewaltig auf: Die Aufteilung des Nationaleinkommens in den Berichtsjahren weist auf eine drastische Verbesserung der Position des aschkenasischen Bürgertums hin. In meinem Wohnviertel liess sich der traumatische Aufstieg mit blossem Auge verfolgen: Höhere und niedrigere Beamten verlassen in den achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre den öffentlichen Sektor und gründen Anwaltskanzleien und Gesellschaften für wirtschaftliche Initiativen, sie vertreten ausländische Firmen oder integrieren sich in Mediengeschäften. Kurz, sie wandern in den Privatsektor ab. Jetzt kann man nicht mehr leugnen, dass die Arbeitspartei, im Gegensatz zum Likud, ihrem Wahlvolk bestens diente, als sie eine kapitalistische Wirtschaftsordnung nach Israel einführte, von der sie sehr profitierten. Eine andere Sache ist, dass der Partei der Atem ausging, noch während die Wähler feierten.

Die Ideologie der Arbeitspartei lief nicht aus im Jahre 1977. Manchmal lässt sich eine schwere Niederlage ausnutzen, um eine Bestandesaufnahme zu machen und gestärkt, voller Energie mitten auf die Bühne zurückzukehren. Der springende Punkt war, dass die Arbeitspartei in den achtziger Jahren, als sie gerade durch die Einheitsregierung in die Zentren der Macht zurückgekehrt war, zur klassisch-bürgerlichen Partei wurde, die effektiv der kapitalistisch-amerikanischen Ideologie in Israel diente. Dadurch geriet sie in einen ideologischen Strudel, der bis heute ihre Fundamente erschüttert. Die Arbeitspartei war mit verantwortlich für den gewaltigen Wandel, der die israelische Wirtschaft überzog, für die Ausmerzung der Sprache des Sozialismus und der Gleichberechtigung. Als die Feierlichkeiten beendet waren, merkte die Arbeitspartei, dass ihr ausser dem politischen Projekt nichts übrig geblieben war, was sie dem Volk hätte verkaufen können. In den achtziger Jahren verlor die Partei ihre wirtschaftlich-gesellschaftliche Seite, die immer ein Tel ihres Körpers und ihrer Seele gewesen war. Seien wir nicht naiv: Der nationalistische Sozialismus der Mapai diente ihren Machern vorzüglich. Er war auch ein Erfordernis der Zeit, um die jüdisch-israelische Gesellschaft auf den Kampf gegen die Araber vorzubereiten, und zudem war er Bestandteil jener «Vereinigung» der diversen Gemeinschaften, die aufgerufen waren, auf Teile ihrer historischen Identität zu verzichten (wie Jiddisch und Arabisch) und sich zusammen in den bekannten «Schmelztiegel» zu begeben. Trotz allem und bei allen schwerwiegenden Vorbehalten der nationalistischen Mapai gegenüber: Bis in die achtziger Jahre stand die Idee von einer Regierung, die im Rahmen dieser oder jener Beschränkungen zum Wohle einer egalitären Gesellschaft wirken würde, im Zentrum der Ideologie von Mapai und der Arbeitspartei.

Heute, wenn wir den 60. Geburtstag feiern, ernten wir die Früchte. Das heutige Israel präsentiert der Welt riesige Kluften zwischen Arm und Reich; die feine Textur der Solidarität zwischen den verschiedenen Schichten ist völlig dahingeschmolzen. Nichts ist dringender als ein umfassender Wandel. Die Politik des «ergreife, so viel du kannst» hat nicht zu einer Entfremdung der verschiedenen Teile geführt, sondern auch zu einer stufenweisen Entfremdung ganzer Bevölkerungsteile von der israelischen Demokratie. Am meisten fällt dies bei der Beteiligung an Knessetwahlen auf. Israel, das sich immer einer hohen Wahlbeteiligung brüsten konnte, nähert sich in dieser Beziehung rasch seinem grossen amerikanischen Verbündeten. Eine Beteiligung von 50 Prozent an Knessetwahlen erscheint realistischer als je zuvor.

Etwas Grundsätzliches bleibt immer gleich

Gegen Ende April 1958 begaben sich massenweise Israeli nach Jerusalem, um den zehnten Geburtstag des jungen Staates zu feiern: Man genoss die militärischen Manöver, man lobte die landwirtschaftlichen Errungenschaften, man rühmte Werte wie Beitrag, Arbeit und Loyalität. Darüber hinaus fand man auch Vergnügen an der physischen Zusammengedrängtheit – Einwanderer aus Nordafrika und weisshäutige Jecken, Gutbürgerliche aus Tel Aviv und Einwohner der Maabarot (Einwandererlager, Anm. d. Red.). Allen gemeinsam war der «Anzug» der neuen jüdisch-israelischen Identität. Manchmal bedurfte es zwar einer gewissen Anstrengung, um alle in den Anzug zu pressen – ausgemergelte, schwächliche und zu sehr gepeinigte Rücken mussten gewaltsam aufgerichtet und zu stolze Schultern mussten gebeugt werden, doch in jenen Jahren gaben sich alle noch Mühe. Ein Jahrzehnt war vergangen seit den Feierlichkeiten zur Staatsgründung, Tausende junger Menschen waren nach dem Krieg von 1948 bereits im Sand begraben worden, doch dieses Mal lastete keine Wolke auf der Festgemeinde. Die Grenzen waren ruhig, der «jüdisch-israelische Geist» – gestärkt durch Exzellenz und Hingebung und geschützt durch die Maschinerie von Armee, Landwirtschaft und Industrie – erschien unbesiegbar. Die Kontroverse rund um die Militärparade zum Zehn-Jahres-Jubiläum wogte in den Zeitungen. Jordanien verglich die Parade mit einer Kriegserklärung, und David Ben Gurion war gegen sie, weil es sich um einen seiner Meinung nach zu militaristischen Anlass handelte.

Auch Schriftsteller legten sich anlässlich von Israels zehntem Geburtstag ins Zeug. Einige von ihnen tauchten, wie Schriftsteller in aller Welt es zu tun pflegen, ihre Feder in den Glanz des Moments, ohne sich der lärmenden Geschichte in den Strassen bewusst zu werden. S. Shalom verfasste ein Gedicht: «Kein Jude soll mehr im Ofen verbrannt werden und nie wieder soll ein Jude dem Mord preisgegeben werden und nicht länger wird schlummern und schlafen, der Hüter über Israels Unabhängigkeit auf ewig.»

Nationaldichter Alterman blieb seiner Linie treu, neigte auf den ersten Blick zu einer ironischen Distanz und tröpfelte Zweifel in den nationalen Jubel: «Das ist ein Fest voller Lärm und Getöse, und das ist ein Fest, das durch das Volk hindurch tönt … und dieses Fest tanzte voller Freude, und dieses Fest blieb stehen und weinte …». Nur schwer findet man am zehnten Unabhängigkeitstag des Staates Beweise für Weinen, Zweifel oder Furcht. Man hatte das Gefühl, dass das israelische Kollektiv eine neue Phase des Zionismus erwartete: die Normalität.

Dem gegenüber steht die Erzählung «Umgekehrte Liebe» des Dichters Yehuda Amichai, die sich in einem im Vorfeld des zehnten Geburtstags auf Hochglanz polierendem Jerusalem zuträgt, und die mit -Befremden von der Ekstase berichtet, welche die Menge erfasste. Die Bühnen, die errichtet wurden, werden von seinem Helden zu «Bühnen, die für den Galgen errichtet werden». Und dieser schöne Satz beschreibt den Blickwinkel des Helden: «Eine Seitenstrasse, in der man nur die Hinterseite des Festes sieht.»

Die Zügelung der militärischen Denkweise

Fünfzig Jahre sind vergangen seit den Feierlichkeiten zum ersten Jahrzehnt des Staates. 1958 ist ein guter Markstein, symbolisiert das Jahr doch die Phase, in der der junge israelische Staat die Zweifel hinsichtlich seiner eigentlichen Existenz verloren hatte, und die Hauptfrage, welche die Feiernden und die israelische Gemeinschaft beschäftigte, lautete: Welchen Staat wollen wir effektiv haben? Damals spielten sich andere, erregende Kämpfe ab zwischen westlich-amerikanischer Anschauung und einer Annäherung zum sowjetisch-sozialistischen Muster. Mapai war eine Partei, die ganz sicher mit dem Segen der «Partei» in der Sowjetunion geformt wurde, die durch die Verbrechen Stalins befleckt und mit der Zeit zu einer weniger erwünschten Option wurde. Die zentrale Hoffnung aber, die im Herzen der Feiernden schlug, war, wie gesagt, die Normalität.

Was ist eine normale nationale Existenz? Schwer zu definieren. Wahrscheinlich versteht man darunter die Existenz in kleinen Gemeinschaften und weniger in der nationalen Gemeinschaft, ohne Kriege, ohne Tod, ohne zu bombastische Ereignisse, die Beseitigung der Existenzangst – «Israel unter den Völkern». Es stellen sich die Fragen: Haben die Hoffnungen sich verwirklicht? Wurde jener Staat errichtet, von dem alle jene Zehntausende geträumt hatten, die 1958 nach Jerusalem hinauf pilgerten?

Auf diese Fragen gibt es keine leichten Antworten. Allem Anschein nach werden wir schon nicht mehr die Menschen sein, die wir uns in unseren Träumen vorgestellt haben, und auch unser Staat ist nicht der Staat, von dem wir geträumt haben. Ich möchte aber einen tiefer gehenden Punkt betonen. Um diese Normalität zu erreichen, hätte Israel kalkulierte Risiken eingehen müssen, «zivile Risiken», und dies ist nicht geschehen. Stattdessen war Israel gewöhnt, «militärische Risiken» einzugehen. Unter zivilen Risiken verstehe ich den Abbau des Militarismus, die Verwurzelung, das Vertrauen in die natürlichen Rechte der Bürger Israels, einschliesslich der arabischen Bürger, denen eine echte Partnerschaft vorzuschlagen wäre. Dieser würde vielleicht ein gewisses Risiko innewohnen, doch wäre dies immer noch einer Situation vorzuziehen, in der zwei ethnische Gruppen keinen echten Dialog führen. Dann wäre unseren Nachbarn – vor allem den Palästinensern in der Westbank und im Gazastreifen – ein echter und endgültiger Frieden vorzuschlagen. Auch dies beinhaltet zahlreiche Risiken, gleichzeitig aber auch Chancen, die Vision von einem besseren Platz. In der Schule sollte Geschichte nicht mit dem Ziel der «Rekrutierung» zur Armee und mit der Hilfe von kindischen Mythen unterrichtet werden, sondern im Bestreben, den Schüler kritisch und neugierig zu machen, ihm wirkliche Geschichte beizubringen. All dies sind «zivile Risiken», die wir nicht eingegangen sind.

Schon vor Langem hätte Israel die logischerweise paranoide militärische Denkweise durch ein ziviles Denken voller Hoffnung und Optimismus ersetzen sollen. Klingt das naiv? Genau das Gegenteil trifft zu. Die militärische Denkweise ist effektiv die naive, denn aus der Illusion von Macht, «Reaktionen» und «Operationen» heraus schafft sie den kurzfristigen Trugschluss, dass sie die Lösung in der Tasche hat, während sie in Tat und Wahrheit die bestehende Situation einfriert und sogar noch verschlechtert. Jeder Sieg, den Israel in den letzten Jahrzehnten in militärischen Ak-tionen errungen hat, war genauso schädlich wie die kleinen Verluste (der zweite -Libanon-Krieg zum Beispiel). Die militärische Denkweise lernt weder aus Niederlagen noch aus Siegen etwas – sie geht ständig auf die gleiche Weise vor. Seit 1948 bis heute hat Israel die Armee konsequent -gestärkt und ihr einen erhabenen Status verliehen, ähnlich einem Staat im Staat. Um diesen Punkt herauszukristallisieren, möchte ich hier aus einem Interview zitieren, das ich unlängst für die Zeitung «Haaretz» mit Yigal Levy geführt habe, einem hochrangigen Forscher der Armee: «Die wichtige Herausforderung, die immer vor dem Staat Israel gestanden hat, war die Zügelung der militärischen Denkweise und nicht des Militärs an sich. Hier steht eine Denkweise zur Diskussion, die viel bedeutsamer und stärker ist als die Frage des militärischen Aufbaus. Wenn man auf ein militärisches Repertoire der Auseinandersetzung mit diesem oder jenem Problem zwischen Israel und benachbarten Staaten blicken kann, braucht man eine Alternative, die zur zivilen und nicht zur militärischen Denkweise neigt. Diese Denkweise stützt sich im Wesentlichen auf eine tief fundierte Anerkennung unserer Nachbarn und verbessert das politische Vermögen Israels zu Lasten der militärischen Denkweise. Diese Denkweise ist nicht stark wegen einer starken Armee, sondern das Gegenteil ist der Fall: Weil die militärische Denkweise stark ist, ist die Armee stark. Die Herausforderung besteht darin, diese Denkweise zu zügeln und nicht die Armee.»

Tief greifende Entscheidung

Zügelung der militärischen Denkweise: Dies war die tief greifendste Entscheidung, vor welcher Israel 1958 gestanden hatte, das Jahr, in dem es eine erste Bestandesaufnahme rund um den Staat und seine Zukunft hätte anstellen sollen. Die zentrale Frage hätte lauten sollen: Ist es möglich (vielleicht erwünscht), die militärische gegen die zivile Denkweise auszutauschen? Natürlich geschah dies nicht. Die oben zitierten Sätze sind für uns von grösster Bedeutung, da eine Neigung besteht, die Schuld auf die Armee abzuwälzen, was selbstverständlich zu leicht wäre. Die militärische Denkweise hat die grosse Macht der Armee geschaffen! Und diese Denkweise war 1958 der Mehrheit der Bürger Israels aller Schichten und Posi-tionen zueigen. In anderen Worten: Jene, die irgendwo in ihrem Herzen den starken Wunsch nach Normalität verspürten, glaubten, dass diese durch eine starke -Armee errungen würde. Ein bekanntes israelisches Paradox.

Meiner Ansicht nach ist dies der Hauptgrund, dass die Geschichte, welche die Israeli sich an ihrer 60-Jahr-Feier erzählen, nicht weit entfernt liegt von der Geschichte, die sie sich anlässlich ihrer ersten Zehnjahres-Feier erzählten. In groben Zügen lautet die Geschichte wie folgt: «Wir sind ein starker, aber kleiner Staat, der von Feinden umringt ist, die ihn vernichten wollen. Man kann nicht wirklich mit ihnen reden. Vielleicht ein wenig. Wir müssen fortfahren, an unsere Stärke zu glauben, an unsere Standfestigkeit, an die Armee, an die jüdische Intelligenz. Wir wollen Frieden, haben ihn immer gewollt, denn er war seit jeher unser grösster Traum, doch die Staaten um uns herum werden uns nie in dieser Region akzeptieren.»

Das ist unsere grosse Tragödie: So wenig hat sich geändert. Manchmal bekommt man das Gefühl, dass hier trotz der zahlreichen Geschehnisse, die sich zugetragen haben, effektiv nichts geschehen ist, als ob die Zeit uns irregeführt und die Illusion einer Alternative geschaffen hätte, uns tatsächlich aber am Ort hat erstarren lassen. Wir Israeli sind in Wirklichkeit nicht gewachsen, sind nicht genügend klüger geworden und haben vor allem nicht viel dazugelernt. Auf der Strasse hört man heute die gleichen Argumente wie 1958: die gleichen Ängste, die gleichen Geschichten, den gleichen Hass, den gleichen hochmütigen und zugleich verängstigten Blick auf den Nächsten. Ein Mensch in Tel Aviv, der den Gesprächen auf der Strasse zuhört, würde wahrscheinlich grosse Mühe bekunden, zu bestimmen, welche der Vorwürfe, Argumente und Träume, die die Passanten untereinander austauschen, zu 1958 und welche zu 2008 gehören.

Trotzdem erscheint sich für den aussenstehenden Beobachter alles zum Besten zu entwickeln. Mit einem Mal erinnere ich mich an das wunderbare, von Agnon gezeichnete Bild über den Traum von einem blinden Orchester, das trotz der Blindheit und all der verschiedenen Instrumente etwas spielt, das harmonisch tönt.

Diese Passage wird im «Buch der Taten» zitiert, und sie ist eine Art sachter Grund für Optimismus.





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