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7. Mai 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 5 Ausgabe: Nr. 5 » May 7, 2008

Keine Heiligen und keine Bösewichte

Eli Amir, May 7, 2008
Es gibt vieles, was an Israels Politik und Gesellschaft bemängelt werden kann. Aber dennoch ist das Land die Heimat des jüdischen Volkes. Daran gibt es nichts zu rütteln.

Von Eli Amir

Sechzig Jahre nach seiner Gründung ist Israel immer noch in seiner Existenz bedroht – durch Iran und seine Verbündeten Syrien, die fundamentalistische Hizbollah in Libanon und die Hamas im Gazastreifen. Städte und Siedlungen an der Gazagrenze bis nach Ashkelon werden mit Kassam- und anderen Raketen so regelmässig bombardiert, wie am Morgen die Sonne aufgeht. Kein Mensch sieht das Ende dieses unsinnigen Konfliktes, in dem sich alles immer zu wiederholen scheint, nur mit noch grösserer Grausamkeit, noch raffinierteren Waffen und noch militanterer Polemik, die sich parallel zur Erderwärmung aufzuheizen scheint. Wie in einem absurden Theaterstück verzehren sich israelische Schriftsteller und Künstler in Schuld und Reue, die junge Generation fragt, wie lange das noch so weitergehen soll, und in alldem blüht und gedeiht der Staat Israel – ein Staat der Einwanderer und Flüchtlinge, die den Verfolgungen des 20. Jahrhunderts, des verfluchten Jahrhunderts des Holocaust in Europa, entronnen sind.

Wie die meisten Israeli meiner Generation bin ich nicht in Israel geboren. Ich stamme aus Babylonien, dem Irak unserer Tage, wo die älteste jüdische Diaspora dem Volk der Juden den Babylonischen Talmud geschenkt hat, ein geniales Schriftwerk, das in dialektischer Dialogform Fragen und Antworten zu religionsgesetzlichen Problemen und religiösen Entscheidungen und vieles andere kodifiziert hat. 1000 Jahre, bevor der Islam den heutigen Irak eroberte und der Prophet Mohammed die Weltbühne betrat, kamen wir nach Babylonien, und seitdem haben wir dort als Bürger zweiter Klasse oder als Schützlinge, ahl al-dhimma, gelebt. Wir haben im Laufe der gesamten Geschichte Iraks in jedem nur denkbaren Bereich unseren Beitrag geleistet. Die erste moderne Sammlung von Geschichten in arabischer Sprache, die in Irak erschien, stammte aus der Feder eines Juden. Die Nationalsängerin Iraks war Jüdin und das bedeutendste irakische Orchester bestand ausschliesslich aus jüdischen Musikern. Auf die Rolle der irakischen Juden in Wirtschaft und Finanzen, in der Entwicklung des Landes, in den freien Berufen, darunter in der Medizin, im Bildungs- und Erziehungswesen möchte ich hier nicht näher eingehen.

Flüchtlinge, die alles zurücklassen mussten

Die Entstehung des Zionismus, der nationalen Bewegung des jüdischen Volkes, bewirkte einen Wandel in Irak und im Nahen Osten. Der Hass auf die Juden überschlug sich, und im Jahre 1941 brach in Irak ein Pogrom aus, das den Juden die Unsicherheit ihrer Existenz in diesem Land vor Augen führte und ihnen als Warnung vor dem Kommenden diente. Als im Jahre 1948 Israel gegründet wurde, kämpfte die irakische Armee gegen den jungen Staat, und die Lage der irakischen Juden verschlimmerte sich. Wir wurden in den Augen der herrschenden muslimischen Mehrheit zu Verrätern, obwohl die Juden niemals Irak verraten oder bekämpft hatten, sondern loyale, produktive Staatsbürger waren. Die Niederlage der arabischen Staaten im israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948 führte zu Verfolgungen, Verhaftungen und Hinrichtungen von Juden und machte es ihnen unmöglich, weiterhin in Irak zu leben. Gleichzeitig lösten die Niederlagen der arabischen Armeen Militärputsche in Syrien, Ägypten und Irak aus, und es bestand die Gefahr, dass wir als Geiseln behandelt werden würden. Wir mussten Irak verlassen und auf unsere Staatsbürgerschaft und unsere Rechte verzichten. Unser Besitz wurde beschlagnahmt, und wir wurden zu Flüchtlingen, die alles zurücklassen mussten: Geld und Vermögen, Landbesitz, Kulturschätze, Bibliotheken, Synagogen, Thorarollen und vieles andere mehr. Es blieben nur die Erinnerungen, das Heimweh, die Liebe zu der Stadt und dem Land, in dem wir geboren waren und in dem unsere Vorfahren gelebt hatten. All dies inspirierte mich, ein Buch über Bagdad («Der Taubenzüchter von Bagdad») zu schreiben. Das Schicksal der Juden in den arabischen Ländern und in Nordafrika glich mehr oder weniger dem Los der irakischen Juden. Fast alle mussten aus ihren Heimatländern fliehen und nach Israel einwandern, dem Asyl des jüdischen Volkes, dem einzigen Staat, der bereit war, sie aufzunehmen.

Israel war damals ein armes Land, das von dem schwersten Krieg in seiner Geschichte (1948) noch angeschlagen war und um seine Toten trauerte. Die Einwanderer fanden schreckliche Lebensbedingungen vor: Es gab keine Arbeit, keine Wohnungen, kein Schulwesen, das der Masseneinwanderung gewachsen war. Meine neunköpfige Familie hauste sieben Jahre lang in Zelten, Wellblechhütten und Baracken und 14 Jahre in einer kleinen Wohnung in einem Elendsviertel, nicht anders als viele Einwandererfamilien in jener Zeit. Der andere Teil der israelischen Bevölkerung bestand aus Holocaustüberlebenden, die dem Hitler‘schen Massenmord an sechs Millionen Juden entronnen waren, und freigekauften Flüchtlingen aus Osteuropa, die aus ihren kommunistischen Heimatländern nach Israel einwanderten. Auch sie waren wegen ihres Judentums verfolgt worden und sahen keine Möglichkeit, länger dort zu leben. Später kamen noch Juden aus den GUS-Staaten und Äthiopien hinzu, die durch die zunehmende Notlage in diesen Staaten zur Auswanderung gezwungen worden waren. Wo man auch hinsieht, das Schicksal der Juden scheint sich immer wieder zu gleichen. Israel ist ein Staat der Flüchtlinge und Einwanderer. Seit seiner Gründung sind drei Millionen Menschen eingewandert, die aus 86 Ländern stammen und 100 Sprachen sprechen. Das grösste Wunder ist in meinen Augen, dass es diesen Flüchtlingen gelungen ist, unter einem demokratischen Regime zusammen zu leben und trotz ständigen Kriegen und Gefahren gemeinsam einen Staat und eine Gesellschaft aufzubauen.

Wir sind wie die übrige Welt

Wenn ich durch mein Land fahre und es gleichzeitig aus dem Blickwinkel des 1950 eingewanderten Jungen und aus meiner heutigen Sicht betrachte, traue ich meinen Augen kaum. Das Israel von heute ist einer der fortschrittlichsten Staaten der Welt, ein modernes, blühendes Land, das in ständigem Wandel begriffen ist – Strassen voller Autos, Touristen aus allen Ländern, der Strand von Tel Aviv, auf dem sich schöne Frauen sonnen, Hotels und Restaurants der internationalen Luxusklasse, lebenslustige Mädchen und junge Männer, die Bier trinken und sich die Nacht um die Ohren schlagen. Auf den ersten Blick ein ganz normaler Staat wie andere in Europa oder Amerika. Eine anfangs primitive, mittellose Industrie brachte hochmoderne Technologien von Weltruf hervor, Universitäten, brillante Wissenschaftler und Nobelpreisträger. Die Kunst floriert, die israelische Literatur hat sich einen Namen im Ausland gemacht, israelische Filme finden Anerkennung, das Theater, die Oper, das Philharmonieorchester gehören zu den bekannteren der Welt. In zwei Generationen haben die Flüchtlinge einen Staat geschaffen, der sich sehen lassen kann. Kein Wunder, dass Palästinenser oder Araber, die Israel besuchen oder dort arbeiten, die Erfolge der Juden, «dieser Teufel», voll Neid und Groll betrachten. Gleichzeitig existiert hier wie in anderen Staaten heutzutage eine enorme soziale Kluft zwischen Reich und Arm. Eineinviertel Millionen Menschen leben unter der Armutsgrenze. Der Reichtum sticht in die Augen, das Elend entwürdigt. Politiker verstricken sich in Korruption, die Beziehung zwischen Macht und Geld ist die Wurzel des Übels, persönliche Interessen und Ambitionen verdrängen die politische und gesellschaftliche Ideologie. Wir sind ein Staat wie andere Staaten, Menschen wie andere Menschen, genau wie die Gründer und Denker des Zionismus erträumt haben. Für mein Gefühl ist die spannendste Entwicklung das Ringen um unsere Identität. Millionen Einwanderer, jeder mit seiner Individualität, Sprache, Kultur und Tradition, kamen nach Israel und kämpfen bis heute mit sich und untereinander um die Schaffung einer gemeinsamen israelischen Identität in der hebräischen Sprache, die das neu entstehende Volk unter einem geistigen und kulturellen Dach vereinigt. Auch wir sind wie die übrige Welt im Guten wie im Bösen von der amerikanischen Konsumkultur beeinflusst, wir sehen dieselben Fernsehserien wie die Menschen in anderen Ländern, streben die Integration in die globale Wirtschaft an und spielen Basketball und Fussball in der Europaliga.

Jede Geschichte hat zwei Seiten

Was Israel fehlt, ist der Frieden mit den Palästinensern und der arabischen Welt. Obwohl Israel glänzende Erfolge errungen und drei Existenz bedrohende Kriege gewonnen hat – den Unabhängigkeitskrieg, den Sechstagekrieg und den Jom-Kippur-Krieg –, gibt es immer noch keinen Frieden. Die beiden grossen ideologischen Bewegungen, die nach dem Sechstagekrieg in Israel entstanden sind, die «Gross-Israel»-Bewegung und die «Peace Now»-Bewegung, sind ideologisch und politisch gescheitert. Die Oslo-Abkommen bewiesen, dass ein sofortiger Friede unmöglich ist, und die Kriege der Palästinenser und die Intifadas gegen die Besatzungsmacht zeigten, dass die «Gross-Israel»-Bewegung in jeder Beziehung unrealistisch ist.

Der überwältigende Sieg im Sechstagekrieg führte letzten Endes zum Frieden mit Ägypten und Jordanien, löste aber im Westjordanland und im Gazastreifen einen tief greifenden Konflikt aus, für den es keinen Ausweg zu geben scheint. Wir glaubten, humane Eroberer zu sein, und begriffen nicht, dass es keine humane Eroberung gibt und dass jede Okkupation korrumpiert. Sie schadet Siegern und Besiegten und erzeugt Hass, Gewalt und Guerillakriege. Jede Art von Eroberung führt zur Verletzung und Tötung unschuldiger Menschen. Zu meinem Leidwesen haben wir – wenn auch unabsichtlich – alle diese Sünden begangen. Wir hätten das Westjordanland sofort nach dem Sechstagekrieg König Hussein zurückgeben sollen, der damals behauptete, Jordanien sei Palästina und Palästina sei Jordanien. Diese einmalige Gelegenheit hat Israel verpasst. Wir hätten die besetzten Gebiete nicht besiedeln dürfen. In das Siedlungswerk wurden Milliarden Dollar investiert, die dringend notwendigen Sozial- und Erziehungsprojekten entzogen wurden. Die Siedlungen spalteten das Volk und verursachten einen schweren inneren Konflikt. Sie brachten eine Generation von Fanatikern hervor und blockierten den Frieden. Doch obwohl Israel sehr viel falsch gemacht hat, haben auch die Araber und die Palästinenser kaum eine Gelegenheit versäumt, ihrerseits Fehler zu begehen. In diesem Konflikt gibt es keine Heiligen und keine Bösewichte.

Das Oslo-Abkommen

Die Palästinenser lehnten die Teilungspläne der britischen Regierung wie den Peel-Plan von 1937 und den Teilungsbeschluss der Uno von 1947 ab. Fünf arabische Staaten überfielen den neu gegründeten jüdischen Staat, und als es ihnen nicht gelang, ihn zu vernichten, begannen sie mit den Vorbereitungen für eine zweite Runde. Gamal Abdel Nasser drohte, Israel zu vernichten, liess seine Armee durch den Sinai auf Israel zumarschieren und zwang uns, 1967 einen Verteidigungskrieg zu führen. Nach dem Sieg boten wir Nasser Verhandlungen an, Gebiete im Austausch für Frieden. Als Antwort verkündete Nasser die drei Nein von Khartum – nein zur Anerkennung Israels, nein zu Verhandlungen und nein zu einem dauerhaften Frieden – und erklärte: «Was mit Gewalt genommen wurde, muss mit Gewalt zurückgeholt werden.» Die Weigerung der arabischen Staaten, in Friedensverhandlungen einzutreten, bahnte den Anhängern der «Gross-Israel»-Idee den Weg zur Besiedlung der besetzten Gebiete, und die israelische Regierung widerstand ihrem Druck nicht. In den Oslo-Abkommen verpflichtete sich Yasser Arafat, den palästinensischen Terror zu bekämpfen, doch er hielt sich nicht daran und setzte die erste Intifada in Gang. Auch Israel erfüllte nicht alle seine Verpflichtungen. Im Jahre 2000 machten Präsident Clinton und der israelische Regierungschef Barak ein sehr grosszügiges Angebot im Austausch für Frieden, doch Arafat lehnte ab und startete eine zweite Intifada. Dem folgte der Aufstieg der Hamas, einer militanten fundamentalistischen Bewegung, die durch ihren Wahlsieg die Macht im Gazastreifen übernahm. Die Hamas erkennt Israel nicht an, bekämpft es unablässig, schiesst Raketen auf Sderot, Ashkelon und andere Orte an der Grenze des Gazastreifens, tötet und verletzt unschuldige Zivilisten und erklärt, dass sie die Juden aus Israel vertreiben will. Wir sind wieder zum Anfangspunkt zurückgekehrt. Wir stecken fest, doch die Palästinenser genauso. Ich bin mir nicht sicher, ob die Palästinenser wirklich einen eigenen Staat wollen. Für sie ist es bequemer, die Unterstützung der westlichen Welt und der arabischen Länder in Anspruch zu nehmen, Milliarden Hilfsgelder einzustecken und sie für andere Zwecke als für Entwicklung und Fortschritt auszugeben. Ihre Führer sind angesehene Gäste westlicher Präsidenten und Regierungschefs. Warum sollten sie einen Staat gründen, staatliche Institutionen und Organisationen ins Leben rufen, die Verantwortung für das eigene Volk und sein Wohlergehen übernehmen, Arbeitsplätze schaffen, sich mit dem Erziehungswesen, dem Verkehr, der Kanalisation und sanitären Einrichtungen herumschlagen? Wozu diese ganze Plage? Anders kann ich mir nicht erklären, warum sie die ihnen gebotenen Chancen nicht genützt haben. Ben Gurion war seinerzeit bereit, den Teilungsplan zu akzeptieren, der Israel nur ein kleines Territorium zubilligte, um in seinen Grenzen einen souveränen Staat zu gründen.

Wir werden nirgendwo anders hingehen

Ich bin kein blinder Verteidiger meines Landes und ich weiss, dass Israel kein Unschuldslamm ist. Seit 40 Jahren herrschen wir über die Palästinenser in den besetzten Gebieten, greifen sie – weitgehend unter dem Zwang, unsere Sicherheit zu verteidigen – immer wieder an, beschneiden ihre Freiheit, machen ihnen das Leben schwer, kränken sie in ihrer Ehre, geben ihnen Grund, uns zu hassen. Es gelingt uns nicht, den Grundsätzen unserer ethischen Kriegsführung gerecht zu werden. Die Angst vor Anschlägen, Selbstmordattentätern und Kassam-Raketen zwingt uns manchmal, auch gegen unbeteiligte Zivilisten vorzugehen. Wir machen uns Vorwürfe wegen jedes unschuldigen Opfers, wegen der Belästigung der palästinensischen Bevölkerung. Ich kenne die Nöte der Palästinenser und bitte jeden Palästinenser, dem wir ohne Absicht etwas zuleide getan haben, um Verzeihung. Doch die Palästinenser müssen verstehen, dass Israel die Heimat des jüdischen Volkes ist. Das Land Israel kommt im Alten Testament 4584 Mal vor. Jerusalem wird 667 Mal erwähnt, doch kein einziges Mal im Koran. Wir werden nirgendwo anders hingehen, und wir haben kein anderes Land. Letzten Endes wird es keine andere Wahl geben, als zusammen zu leben, Seite an Seite, die Palästinenser in ihrem Staat und wir im Staate Israel. Der 60. Jahrestag der Gründung unseres Staates ist ein festliches Ereignis, auf das Israel stolz sein darf, doch an diesem Tag dämpfen Kummer und Angst vor dem Kommenden unsere Festesfreude. In den territorialen Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern mischen sich islamische Staaten wie Iran ein. Der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad droht, Israel zu vernichten, und baut Atomwaffen, um dieses Ziel zu erreichen. Wegen Iran und des Islamischen Jihad, der Hamas und der Hizbollah hat sich der Nahostkonflikt auf die religiöse Ebene verlagert und könnte sich, Gott behüte, zu einer weltweiten Konfrontation ausweiten. Seine Lösung erfordert eine Einmischung anderer Staaten, vor allem Europas, weil dieser Kontinent seit vielen Jahren in der Region aktiv ist. Europa kann nicht tatenlos zusehen, es muss mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu einer Lösung beitragen.





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