Disraelia – eine imaginäre Erfolgsgeschichte
Von Adreas Mink
Die Stimmen aus der Vergangenheit sind bekannt und ihre Worte klingen vertraut. Da schildert der Geschichtswissenschaftler Heinrich Graetz (1817–1891) die schwierige Situation der europäischen Juden nach dem Fall der Ghetto-Mauern, und der junge Karl Marx ärgert sich 1843 im Pariser Exil über den Starrsinn, mit dem sie am Judentum festhalten. Gleichzeitig überrascht der aufstrebende britische Politiker Benjamin Disraeli eine Londoner Abendgesellschaft mit langen Ausführungen über die Zukunft der Juden und seine Reisen in den Orient, während der britische Botschafter Stratford Canning die Reformbestrebungen des jungen osmanischen Sultans Abdul Medschid analysiert. Doch allmählich schleicht sich Unbekanntes in das aus Zitaten zusammengesetzte, 20-seitige dokumentarische Essay, mit dem Walter Laqueur seinen Beitrag zum Jubiläum der Staatsgründung Israels leistet: Haben preussische und britische Diplomaten am osmanischen Hof nach 1840 tatsächlich die Bereitschaft der Hohen Pforte ausgelotet, den bedrohten und verfolgten Juden Europas eine Heimstatt im Vorderen Orient zu gewähren? Wurden sie darin unterstützt von einem Zirkel jüdischer Bankiers und Religionsgelehrter?
Mit «Disraelia 1848–2008» legt Laqueur für das Institute for Strategic Studies der Harvard University die «Counterfactual History» der Gründung eines jüdischen Staates nach 1848 vor. Im Gespräch mit dem aufbau freut sich Laqueur darüber, dass er den Ton der zeitgenössischen Tagebücher, Lexika und diplomatischer Papiere so gut getroffen hat, dass ihn viele fragen, wo sich Wahrheit und Erfindung trennen. «Aber die Texte stammen allesamt von mir, auch wenn ich echte Zitate verwendet habe.» Laqueurs «Was wäre, wenn?» greift Fakten auf, die er unter anderem in seiner klassischen «Geschichte des Zionismus» dargestellt hat. Dazwischen webt der 1921 in Breslau geborene Historiker geschickt die Anfänge einer alternativen Geschichte, die im Folgenden Züge einer positiven Utopie annimmt: So benötigt der jüdische Staat «Disraelia» zu seiner Gründung 1848 zwar neben seinem energischen Namenspatron weitere Geburtshelfer, aber die europäischen Grossmächte und der osmanische Sultan einigen sich auf eine kantonale Lösung, die dann tatsächlich «realisiert» wird. Diese ermöglicht zwischen 1849 und 1855 die Einwanderung von zwei Millionen Juden, die von «Jaffa nach Kirkuk», also von Palästina über die syrische Wüste bis in den Nordwesten des heutigen Irak siedeln und sich zunächst mit einer für damalige Verhältnisse im Osmanischen Reich zumindest denkbaren lokalen Autonomie begnügen. Jerusalem steht unter einer separaten, internationalen Verwaltung.
Atemberaubende Erfolgsgeschichte
Dann folgt eine atemberaubende Erfolgsgeschichte, die Laqueur in Form eines Zitates aus der Encyclopedia Britannica von 1911 erzählt: Die Rothschilds stiften die Ausbildung 500 besonders begabter junger Disraelianer an europäischen Spitzenuniversitäten. Hand in Hand mit den unternehmungslustigen anderen Kantonisten wirken die heimgekehrten Wissenschaftler an der Entwicklung eines Staatswesens mit, das zu einer Mischung aus Gelehrtenrepublik und Industrienation heranwächst: Ein Eisenbahnnetz kurbelt Kommunikation und Handel an, eine lokale «Leichtindustrie» erobert mit Fotoapparaten und anderen Innovationen die Weltmärkte. Diese Erfolge schaffen die Arbeitsplätze und den Wohlstand, die ethnisch-religiöse Konflikte in Disraelia gar nicht erst aufkommen lassen. Laqueurs Encyclopedia-Eintrag notiert die «politische Vorsicht» der jüdischen Pioniere, die sich um Ausgleich und Dialog mit arabischen Stammesführern und «dynamischen» Persönlichkeiten unter den Kurden bemühen, gleichzeitig jedoch der Hohen Pforte gegenüber ihre Loyalität beteuern.
Die offizielle Geburtsstunde des unabhängigen Disraelia schlägt denn auch erst nach dem Grossen Krieg, der in Laqueurs alternativem Universum ebenso stattfindet wie die Machtergreifung Hitlers in Deutschland. So kann sich Disraelia zu Beginn der 1920er Jahre aus den Ruinen des Osmanischen Reiches als integriertes und gut funktionierendes Gemeinwesen erheben, das rasch zu einem weit über die Region hinausstrahlenden Machtfaktor heranwächst. Das Land kommt ohne Staatsreligion aus. An der Regierungsspitze lösen sich Juden, Araber und Kurden ab. Das Parlament tagt im Sommer in Mosul, im Winter in Tel Aviv. Die junge Republik hat ihre Krisen: So kommt Präsident Emanuel Marx (ein Enkel von Karl) 1929 bei einem Anschlag jüdischer Separatisten um, die für «eine Teilung des Landes und die Austreibung aller Nichtjuden» kämpfen. Aber der Staat reagiert rasch und hart. Die Rädelsführer werden hingerichtet und ihre militantesten Anhänger des Landes verwiesen. Ihnen bleibt breite Unterstützung ebenso versagt wie arabisch-kurdischen Extremisten, die ebenfalls einen Nationalstaat im engeren Sinne anstreben.
Laqueur lässt einen Emissär Hitlers schockiert nach Berlin berichten, Disraelia verfüge nicht nur über gewaltige Ölvorkommen, sondern auch über Atomwaffen. Dank Disraelia kommt es zumindest nicht zum Holocaust, auch wenn Laqueur in einem Beitrag zum 1. April 2008, mit dem er sein Gedankenspiel abschliesst, die Möglichkeit offenlässt, dass ein weiterer Weltkrieg und dann der Kalte Krieg stattfinden. In der alternativen Gegenwart angekommen, zeichnet Laqueur ein geradezu idyllisches Bild der internationalen Politik, in der Disraelia gemeinsame Manöver mit Iran abhält, von Russland und den USA umworben wird und Exilanten mit Namen wie Trotzki, Bin Laden, Khomeini und Guevara die Gelegenheit gibt, in den Wäldern des Berges Karmel mit gelehrten Rabbinern über «Vor- und Nachteile des Fundamentalismus» zu disputieren. Derweil bilden Intellektuelle namens «Juan Finkelstein, Rashid Massad und Joel Judt» in Washington eine «Pro-Disraelia-Lobby».
Kleiner Staat, grosse Kritik
Hinter diesen Protagonisten sind unschwer heutige Israel-Kritiker wie Juan Cole, Norman Finkelstein, Rashid Khalidi und Tony Judt zu erkennen. Laqueur zeigt damit einigen Humor. Aber wenn er einen «amerikanischen Ex-Präsidenten» seinen Ruhestand im Süden Disraelias mit dem «Anbau neuartiger Erdnüsse» verbringen lässt, mokiert er sich auch über Jimmy Carters Angriffe auf das real existierende Israel. Damit tritt Laqueur aus der alternativen in die «faktische» Gegenwart: In den letzten Absätzen seines Stückes zeigt er sich in seiner vertrauten Rolle als Analytiker der «Realpolitik» und weist auf die Vorteile hin, die ein Staat wie Disraelia mit 60 Millionen Bürgern gegenüber dem kleinen Israel mit seinen sechs Millionen Einwohnern geniesst. Grosse Nationen werden international nicht permanent in Frage gestellt, sind «jenseits von Gut und Böse», während die gleichen Handlungen eines kleinen Staates «als moralische Skandale» verteufelt werden. Dem aufbau gegenüber bezeichnet Laqueur dies als «eine Art Heuchelei: jeder weiss es und keiner will es zugeben, dass Israel so schlecht behandelt wird, weil es so klein ist. Man muss vorsichtig sein, wenn man beginnt, einen Staat zu kritisieren, der eine militärische Macht ist und über Öl verfügt.»
«Disraelia» hat international bereits einiges Aufsehen erregt und viel Lob für den Einfallsreichtum und die profunde Sachkenntnis Laqueurs geerntet. Die Kritik kapriziert sich vor allem auf die Abwesenheit des Nationalismus in seinem Szenario: Darf sich ein Staat ohne Herzl, Zionismus und Jerusalem, ohne ethnisch-kulturelle Exklusivität überhaupt «jüdisch» nennen? In «Disraelia» tauchen Gedanken auf, die zunächst an das Essay Tony Judts in der «New York Review of Books» vom Oktober 2003 erinnern, das Judt zur Persona non grata der real existierenden «Israel-Lobby» in den USA gemacht hat. Judt hatte sich die Freiheit genommen, über die Rechtzeitigkeit der Gründung Israels zu sinnieren – kam der Erfolg des aus dem europäischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts geborenen Zionismus im Jahr 1948 nicht um eine Generation zu spät? War die «richtige Stunde» des Nationalismus nicht 1918, als die Nationen Ost- und Südosteuropas sich aus den untergegangenen «Weltreichen» der Zaren und Kaiser lösen konnten?
Aber im Gegensatz zu Laqueur hält es Judt für möglich oder sogar wünschenswert, heute einen binationalen Staat zu errichten. Für Laqueur stellt dies gefährlichen Unsinn dar. Er spielt in «Disraelia» mit der Möglichkeit, einen solchen Staat im 19. Jahrhundert zu schaffen, bevor die Nationalbewegungen den Nahen Osten erreicht hatten. Zudem hätte Laqueurs theoretischer Staat über Araber hinaus auch andere, traditionell im fruchtbaren Halbmond lebende Minderheiten umfasst.
Laqueur erinnert im Gespräch daran, dass er selbst als junger Flüchtling aus Nazideutschland für einen «binationalen Staat» in Palästina eingetreten ist: «Ich war vor der Gründung des Staates Mitglied einer Partei, die das glaubte, dass man bescheiden anfangen sollte mit einem kantonalen Ansatz, mit Autonomie auf regionaler Basis.» Der Historiker bedauert heute, dass seine Partei damals «keinen Partner auf der anderen Seite gefunden hat».Dazu ist es bekanntlich nicht gekommen. Dass, wenn nicht Disraelia, so zumindest Israel überhaupt gegründet werden konnte, stellt für Laqueur einen «Zufall» dar: «Die Entstehung des Staates Israel ist unwahrscheinlich oder zufällig. 1947 haben Russen und Amerikaner in der Uno dafür gestimmt. Schon ein Jahr später wäre das sehr unwahrscheinlich gewesen – da hatte der Kalte Krieg schon ernsthaft begonnen. Und ohne einen Beschluss der Vereinigten Nationen wäre es sehr unwahrscheinlich, dass Israel hätte entstehen können.» Über die Zukunft Israels schweigt Laqueur in «Disraelia». Dem aufbau gibt er immerhin über seine Sicht der Geschichtswissenschaft Auskunft: «Je älter ich werde, desto mehr lerne ich als Historiker den Zufall schätzen. Nicht alles ist Zufall. Aber der Zufall spielt eine weit unterschätzte Rolle.»
«Disraelia» im Web: http://blogs.law.harvard.edu/mesh/pages/laqueur_disraeli/


