Alpträume und Hoffnungen
Von Elie Wiesel
Für das jüdische Kind in mir stellt Israel einen unwiderstehlichen Appell zu hoffen dar und Jerusalem ist mir ein machtvolles Liebeslied. Als Kind bin ich oft durch die Strassen meiner rumänischen Kleinstadt tief in den Karpaten gegangen und habe mir vorgestellt, auf einer Bank irgendwo in Judäa zu sitzen, einem Meister lauschend, der mir die Geheimnisse der Welt erklärt, die Kraft von Erinnerungen und den menschlichen Durst nach Wundern.
Mein Grossvater war ein glühender Chassid. Mit ihm sprach ich jiddisch. Er liebte es, mich chassidische Melodien zu lehren, aber am meisten freute er sich, wenn er mich gebeugt über einem talmudischen Traktat sah. Er träumte davon, dass er so lange leben würde, bis wir alle ins Heilige Land gehen und dort den Messias willkommen heissen würden. Auch ich habe mehr vom Messias geträumt als von einem jüdischen Staatswesen.
Dann ist passiert, was passiert ist. Wo war ich am 14. Mai 1944? Immer noch im Ghetto. Ich war 15. Der erste Transport in das Unbekannte, hastig organisiert, war bereit oder gerade abgefahren. Für uns trug das Schicksal die Maske des Todes, den der Feind zu seinem Erlöser erkoren hatte.
Der 14.Mai 1948
Paris. Israel wird geboren. Ich bin staatenlos und habe schon drei Jahre in Frankreich gelebt. 1945 in Buchenwald von der amerikanischen Armee befreit, wurde ich von einem Offizier gefragt, in welche Heimat ich zurückkehren möchte. Wie die meisten meiner Freunde wollte ich nach Palästina gehen. Aber die damals von den Briten verhängten Einwanderungsregeln haben uns die Tore versperrt. Schliesslich hat die OSE (Oeuvre de secours aux enfants), eine herausragende französisch-jüdische Hilfsorganisation, 400 von uns nach Frankreich gebracht.
Ich erinnere mich
Es ist ein Freitag. David Ben Gurion verliest die Unabhängigkeitserklärung des neuen jüdischen Staates. Sie wird von allen Radiostationen der Welt übertragen. Abends gehe ich zur Synagoge. Jubel. Fremde tauschen ihre Gefühle aus. Was? Ein jüdischer Staat? Drei Jahre nach der schlimmsten Katastrophe der jüdischen Geschichte? Ich kann mich kaum konzentrieren. Ein bärtiger Alter mit fieberglühenden Augen belehrt mich: Gebete haben dies gezeitigt. Das zählt mehr als Politik. Ich möchte ihm meine Zustimmung erklären. Gebete haben es auch möglich gemacht, dass wir miterleben, wie ein uraltes Versprechen in Erfüllung geht. Aber ich bin zu schüchtern und bleibe stumm. Meine Gedanken wandern zu meinem Grossvater. Hat er es nicht viel mehr verdient, diesen glorreichen Augenblick zu erleben als ich? Mein Vater, meine Mutter … meine Gedanken gehen zu ihnen, der Wirbelwind von Feuer und Asche trägt sie fort. Muss ich in das Kaddisch des Trauernden für sie Worte der Dankbarkeit für den neuen jüdischen Staat mischen? Kann dieser leuchtende Augenblick tatsächlich die Antwort auf die Qualen unserer Nacht sein? Israel – eine Entschädigung für Auschwitz? Ich kann mich nicht genau an meine Gedanken in diesem Moment erinnern, aber ich hoffe, dass ich diese Theorien damals bereits abgelehnt habe. Sie sind grausam, grob vereinfachend, absurd, vor allem aber unwürdig. Und dann wurde das Kind, das ich war, erwachsen. Ich wurde ein Erwachsener, der endlich das wirkliche Gewicht der Jahre spürte. Was hatte sich verändert?
Des einen Traum ist des anderen Alptraum
Zuerst in Paris und dann in New York war ich über 20 Jahre Korrespondent der israelischen Abendzeitung «Yediot Achronot». Es war aufregend für mich, den Ereignissen im Heiligen Land zu folgen. Für mich war es kein Eroberungskrieg, sondern ein Akt der Rückkehr, eine Befreiung. Nach 2000 Jahren der Not, von Leben zwischen einem Exil und dem nächsten, hatten die Opfer ihrer eigenen Schwäche diese endlich überwunden. Sie waren Urheber ihres eigenen Schicksals geworden und so hatten sie eine unerwartete Macht errungen.
Der neu geborene Staat war darauf vorbereitet, innerhalb der engen Grenzen zu leben, die der Teilungsplan der Vereinten Nationen vorsah. Aber die junge Nation, der Waffen und ein etabliertes, reguläres Militär fehlte, wurde nicht von einem, sondern von fünf gut bewaffneten arabischen Ländern angegriffen. Damals war ich mir noch nicht der Tatsache brennend bewusst, dass für Menschen und Nationen des einen Traum des anderen Alptraum werden kann – und das von einer Sekunde auf die andere.
Die grosse Frage: Was wäre gewesen, wenn die palästinensischen Führungspersönlichkeiten dieser Epoche dem Beispiel Israels gefolgt wären und die Gründung eines unabhängigen arabischen Staates verkündet hätten? Warum haben die palästinensischen Machthaber «nie eine Gelegenheit verpasst, eine Gelegenheit zu verpassen», um den verstorbenen Abba Eban zu zitieren?
Ich erinnere mich an meine erste Reise nach Israel im Jahr 1949. In Marseille bin ich an Bord eines kleinen, von Immigranten übervölkerten Schiffes gegangen. Die meisten von ihnen waren junge Zionisten. Bei unserer Ankunft in Haifa sah ich am Horizont den majestätischen Berg carmel, der mir die jungen, wandernden Propheten ins Bewusstsein rief. Ich erinnere mich an die Emotionen, die ich beim Anblick der ersten jüdischen Polizisten, Zollbeamten und Soldaten empfunden habe.
Mein erster Besuch in Jerusalem. Ich bin ziellos durch die Strassen gewandert und fühlte, dass ich schon einmal dort gewesen war. Und doch fühle ich mich bei jedem meiner Besuche in Jerusalem als sei es das allererste Mal.
1967 ordnete Ägypten den Abzug der Uno-Truppen aus dem Sinai an und provozierte so Krieg. Ich erinnere mich an diesen Juni. Während der Krieg auf dem Sinai und den Golanhöhen tobte, nutzte ich jede freie Stunde, um an der Klagemauer zu beten, die gerade befreit worden war. Als ich eines Tages durch die engen Strassen der Altstadt ging, begegnete mir eine Gruppe arabischer Kinder, die mich auf eine seltsame Weise anschauten. Plötzlich verstand ich: Sie hatten Angst. Ich machte ihnen Angst, weil ich Jude bin. Dies hat mich zutiefst beunruhigt. Als Juden hat unsere Erfahrung von Furcht eine lange Geschichte. Aber Kinder, die sich vor einem Juden fürchten? Ich habe kein Problem mit irgendeiner Religion. Aber ich verabscheue Fanatiker jeden Glaubens, auch meines eigenen. Diese Selbstmordterroristen, die Hass atmen und den Todeskult praktizieren, sind eine Pest für alle Nationen. Und ich mache ihre Anführer für das Verderben verantwortlich, das sie bringen. Natürlich weiss ich, dass auch Fragen über die Führungspersönlichkeiten Israels gestellt werden können. Haben sie in all den Jahren des Blutvergiessens wirklich jede Möglichkeit ergriffen, die Feindseligkeiten zu beenden? Auf einer persönlichen Ebene frage ich mich, warum ich selbst nicht nach Israel gezogen bin. Am Ende des Krieges machten viele Freunde aus meiner Kindheit illegal Alija, über Zypern. Ich blieb derweil in Frankreich, um den Klang von Worten zu erkunden und sie zu verbinden. Warum?
Einfach als Jude existieren können
60 Jahre später bleiben all diese Fragen und so viele andere unbeantwortet. Ich weiss, dass es Leute gibt, die mir vorwerfen, dass ich zu viel tue, und andere, die mir das Gegenteil vorhalten. Im Besondern, dass ich in Amerika lebe, so weit entfernt von Israel und seinen zahllosen Problemen. Und wie steht es bei alledem mit der Hoffnung? Ist es notwendig, sie ein für alle Mal aufzugeben und die Realität zu akzeptieren? Müssen wir uns sagen, dass wir von Tag zu Tag mit den Ängsten zu leben haben, die uns ständig begleiten, und mit unseren flüchtigen Freuden? Und was soll die Aufgabe des Schreibers, des Lehrers, des Zeugen oder schlicht des Juden in mir sein, der nicht in Israel lebt, aber Israel seine Zuneigung schuldet, seine Loyalität und vielleicht auch – warum nicht? – seine Dankbarkeit dafür, einfach als Jude existieren zu können? Selbstverständlich empfinden ich und viele in der Diaspora lebende Juden das Bedürfnis, Israel dabei zu helfen, die Isolierung zu überwinden, in welche sie «die Völker der Welt» – um einen talmudischen Ausdruck zu benutzen – oft einzuschliessen versuchen. Wenn wir über Israel sprechen, empfinden viele von uns die Pflicht, das Niveau der Debatte auf eine höhere Ebene zu heben. Soll das heissen, dass wir über die palästinensischen Männer, Frauen und Kinder – und vor allem die Kinder – schweigen sollen, die in Not, Angst und Trauer leben und Israel dafür verantwortlich machen? Natürlich nicht. Und ich weiss, dass die Regierung Israels und die Mehrheit des Landes davon überzeugt sind, dass, wenn es überhaupt eine Lösung gibt, diese in zwei Staaten besteht, die Seite an Seite leben und den Frieden gewählt haben.
Israel zu helfen bedeutet für einen Juden wie mich mehr als nur einen materiellen Beitrag. Ich war mit König Abdullah II. von Jordanien unter jenen, die 2006 auf unserer Konferenz in Petra das allererste Treffen zwischen dem israelischen Premier Ehud Olmert und dem Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde Mahmoud Abbas vorbereitet haben. Der Friede in dieser aussergewöhnlichen, von Gott gesegneten und dem Menschen missbrauchten Region bleibt unsere leidenschaftlichste Priorität. Wie aber sollen wir dieses Ziel erreichen?
Mitte der siebziger Jahre habe ich einen Brief veröffentlicht: «An einen jungen Palästinenser». In diesem Brief habe ich ihm gesagt, dass der Mann, der ich bin, der Jude, der ich bin, ihn besser versteht als irgendjemand sonst. Ich verstehe sein Leid und sogar seinen Zorn. Ich habe ihm gesagt, ich sei bereit, ihm zu helfen, auf den Ruinen zu bauen, so wie wir Juden es immer und immer wieder getan haben. Der Unterschied besteht darin, dass wir unseren Herausforderungen nie mit Gewalt begegnet sind.
Wenn ich diesen Brief heute schreiben würde, dann würde ich hinzusetzen, dass ich und so viele andere sich sofort für seine Sache einsetzen würden, sobald er nur seine Taktik aufgibt – die absolute Gewalt des Selbstmord-Terrorismus. Aber wie kann ich einen Mann oder eine Gruppe unterstützen, der eine Lehre predigt oder auch nur toleriert, deren erklärtes Ziel in der Vernichtung einer Gemeinschaft von sechs Millionen Juden besteht, die in dem Land ihrer – und meiner – Vorväter leben?
Warum bin ich nicht wohnhaft und Staatsbürger in Israel? In erster Linie, weil ich naiverweise viele Jahre lang gedacht habe, ich sei meinem Volk mehr von Nutzen ausserhalb Israels. Ich gebe auch zu, dass ich einfach noch nicht reif genug dazu war. Sogar heute noch kämpfe ich damit, mich von der Diaspora und ihren Ängsten, ihren Erinnerungen und Herausforderungen zu lösen. Und so ist es wahr, dass ich nicht in Israel lebe, aber doch nicht ohne Israel existieren könnte.


