Wer ist jüdisch?
ältere Generation ersetzen?
Letzte Woche publizierte statistische Daten einer sogenannten Mini-Umfrage aus dem Jahre 2006 zeigen, dass 315000 Kanadier sich als Juden identifizierten, neun Prozent weniger als noch 2001, in dem die Zahl bei 348000 lag. Die grössten jüdischen Bevölkerungskonzentrationen Kanadas sind laut der Erhebung Toronto mit 141 685 Juden, Montreal mit 71380 und Vancouver mit 21465 jüdischen Menschen. Wie schon bei früheren Zählungen gehen die Meinungen der Experten hinsichtlich der Bedeutung der Zahlen auseinander. Jim Torczyner etwa, Professor für Sozialarbeit an der McGill Universität von Montreal, der schon viele Zählungsresultate interpretiert hat, hält die jüngsten Zahlen für unzuverlässig, weil sie die religiöse Zugehörigkeit der Interviewten nicht reflektieren. Diesen Faktor bezeichnet Torczyner als wichtigeren Faktor der Selbst-Identifizierung. «Die Ethnizität», sagte er, «ist nicht das einzige Merkmal, das jüdische Identität schafft. Wenn es um Juden geht, kann man einen Rückgang nicht von einer Zählung ableiten, die sich ausschliesslich mit dem ethnischen Aspekt befasst.»
Kanadische Volkszählungen, die alle zehn Jahre in einem mit der Ziffer 1 endenden Jahr abgehalten werden, erkundigen sich nach den religiösen und ethnischen Ursprüngen der Befragten. «Mini-Umfragen», die in den mit einer 6 endenden Jahren stattfinden, erfragen nur die ethnische Abstammung. Sie gestatten den Befragten, bis zu vier ethnische Ursprünge aufzulisten, einschliesslich des Begriffs «Kanadier». Als einzige Gruppe fallen Juden in zwei Kategorien. Das führt seit Jahrzehnten zu Debatten in den Gemeinden über die Frage, wer und was ein Jude ist.
Weniger Einwanderer?
Im Jahre 2001 hatten 330000 Kanadier ihre Religion als jüdisch angegeben, 3,7 Prozent mehr als 1991. Rund 348000 gaben ihren ethnischen Ursprung als jüdisch an, entweder alleine oder in Kombination mit einer oder mehreren anderen ethnischen Definitionen. Gemeindevertreter kombinieren diese Zahlen, wobei sie nur jene ausschliessen, die ihre ethnischen Wurzeln mit jüdisch angeben, gleichzeitig aber noch eine andere Religion anführen. In diese Kategorie fallen rund 50000 Menschen. Die offizielle Zahl der Gemeinden lag 2001 bei 37520 Juden in Kanada. Im Jahre 2001 figurierten die Juden auf Rang 17 unter den über 200 aufgrund ihrer ethnischen Ursprünge definierten Gruppen. In der Volkszählung von 2006 rutschten die Juden allerdings auf Platz 25 ab.
Für Robert Brym, einen Soziologieprofessor an der Uni von Toronto, enthüllen die jüngsten Ergebnisse ein tiefer liegendes Thema, das in jenen Antworten zum Ausdruck gelangt, in denen die Befragten nur einen ethnischen Ursprung angaben (jüdisch), verglichen mit jenen, die mehrere nannten, einschliesslich russisch, polnisch, israelisch und kanadisch. 2006 hatte die Zahl der Leute, die mehrere ethnische Ursprünge angaben – in der Regel jüngere, assimiliertere Juden – um 11,7 Prozent zugenommen. Gleichzeitig ist die Zahl derjenigen, die sich mit einem einzigen ethnischen Hintergrund identifizierten – normalerweise ältere und weniger assimilierte Juden – stark um 27,6 Prozent gefallen. Für Brym zeigt das, dass die ältere, weniger assimilierte Generation rascher stirbt als die jüngere sie ersetzen kann. Er führt das auf die niedrige jüdische Geburtenrate und auf das effektive Ende der jüdischen Immigration nach Kanada aus Orten wie Russland und Südafrika zurück.
Ein verwirrendes Bild
Torczyner dagegen interpretiert die Daten anders: «Gibt man jemanden die Wahl – wenn man also fragen kann, ob die Interviewten Juden gemäss der Religion oder der ethnischen Abstammung sind – dann werden diejenigen, die sich als jüdisch aufgrund der Religion bezeichnen, eine andere ethnische Abstammung angeben. Wenn man also nur die ethnischen Ziffern vergleicht, erhält man ein sehr verwirrendes Bild, weil wir einfach nicht wissen, ob gewisse Juden überhaupt nicht antworten.»
Für Brym signalisiert die jüngste Zählung einen gesamthaften Rückgang der Zahl der Juden in Kanada. In jedem Volkszählungsjahr, in dem ethnische und religiöse Daten gesammelt werden, ist laut Brym die Zahl der religiösen Juden niedriger als die der Juden laut ethnischer Abstammung, da gewisse «ethnische» Juden entweder areligiös sind oder einen anderen Glauben angenommen haben. Es würde ihn, wie er meinte, nicht überraschen, sollte die Zahl der sich aufgrund ihrer Religion definierenden Juden bei der nächsten Zählung um fünf Prozent sinken. «1989 prophezeite ich in einem Artikel den demografischen Rückgang der jüdischen Gemeinde Kanadas wegen der Überalterung und der versiegenden Einwanderung. Zwei Jahrzehnte später geben die Zählungsdaten meinen Prognosen recht.» Torczyner dagegen erwartet für die Volkszählung von 2011 eine wachsende jüdisch-kanadische Gemeinde: «Die Menschen leben länger. Zwar gibt es Mischehen, doch wirken sich diese noch nicht auf die Identifizierung eines Befragten aus.» Zudem würde Kanada nach wie vor jüdische Einwanderer anziehen
Ron Scillag


