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30. April 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 18 Ausgabe: Nr. 18 » April 30, 2008

Hetzfilm der Nazis unter der Lupe

April 30, 2008
Zurzeit ist in Stuttgart die bemerkenswerte Ausstellung «Jud Süss – Propagandafilm im NS-Staat» zu sehen. «Jud Süss» ist neben «Der ewige Jude» der widerwärtigste antisemitische Hetzfilm der Nazis. Das Machwerk zählt zu den 20 finanziell erfolgreichsten Filmen im «Dritten Reich».
Filmplakate aus den vierziger Jahren «Jud Süss»
gehörte zu den übelsten Propagandawerken der Nazis

Von Anton Maegerle

Der Anspruch ist gross. Das Haus der Geschichte Baden-Württemberg will die Macht des Mediums Film als eines wichtigen Propagandamittels im Nationalsozialismus aufzeigen und antisemitische Stereotypen wie Geldgier, Verschlagenheit und sexuelle Gier entlarven. Die Ausstellungsmacher zerlegen dazu den Film «Jud Süss» in einzelne Szenen oder Bildausschnitte, damit sie dessen propagandistische Wirkung sichtbar machen können. Der bekannte Ausstellungsarchitekt Hans Dieter Schaal hat die Ausstellung in sechs Kabinette gegliedert, denen er die Form von dunklen Kellerverschlägen gegeben hat. Entstanden ist eine bemerkenswerte und informative Ausstellung. Gedreht hatte «Jud Süss» der NS-Regisseur Veit Harlan, einer der bedeutendsten Propagandafilmer im NS-Staat. Der Film wurde in zahlreichen Sprachen synchronisiert und lief in fast ganz Europa. Als «Jud Süss» erschien, durften Juden in Deutschland schon zwei Jahre lang keine Kinos mehr besuchen. Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus wurde der Film verboten.

Der Film gibt vor, die Geschichte des Joseph Süss Oppenheimer (1698–1738) zu erzählen. Oppenheimer war Finanzrat des württembergischen Herzogs Karl Alexander und wurde nach dessen Tod unter anderem wegen «Schändung der protestantischen Religion» und wegen «fleischlichen Umgang mit Christinnen» angeklagt. Obgleich ihm nicht ein einziger Vorwurf nachzuweisen war, wurde Oppenheimer zum Tode verurteilt und in Gegenwart von mehreren 1000 Zuschauern in Stuttgart am Galgen hingerichtet. Sein Leichnam hing sechs Jahre zur Schau in einem Käfig.

Übles Hetzmaterial

Nach diesem Justizmord wurde Oppenheimer zur antisemitischen Projektionsfläche. Zahlreiche Traktate, Biografien, Erzählungen und Flugschriften beschäftigen sich damit. Die grösste öffentliche Aufmerksamkeit erreichte dabei Veit Harlan mit seinem Film. Über 20 Millionen Zuschauer, ein Drittel der damaligen «Reichsbevölkerung», sahen den Film.

Reichspropagandaminister Joseph Goebbels jubilierte: «Jud Süss» sei mit hervorragenden Schauspielern besetzt. Und auch: «Wir werden der Welt ein Beispiel für die überlegene geistige Kriegsführung bieten.» Offensichtlich mit Erfolg. Der Sicherheitsdienst der SS beispielsweise meldete am 28. November 1940: «Unter den Szenen, die von der Bevölkerung besonders beachtet werden, wird der Einzug der Juden mit Sack und Pack in die Stadt Stuttgart genannt. Im Anschluss gerade an diese Szene ist es wiederholt während der Vorführung des Filmes zu offenen Demonstrationen gegen das Judentum gekommen. So kam es zum Beispiel in Berlin zu Ausrufen wie ‹Vertreibt die Juden vom Kurfürstendamm! Raus mit den Juden aus Deutschland!›».

Die Reichspropagandaleitung stellte 150 von insgesamt 600 Filmkopien gezielt für die «weltanschauliche Schulung» bereit. Heinrich Himmler, SS-Reichsführer und Leiter der politischen Polizei, befahl, den Film den Einsatzgruppen an der Ostfront zu zeigen, die dort seit Kriegsbeginn mit grösster Brutalität gegen die jüdische Bevölkerung vorgingen. Himmler veranlasste auch, dass der Film den Wachmannschaften in den Konzentrationslagern vorgeführt wurde. Im KZ Sachsenhausen verprügelten SS-Wachmannschaften Häftlinge mit Schlagwerkzeugen, nachdem sie den Film gesehen hatten.

Die Ausstellung dokumentiert auch die lange unterbliebene bundesrepublikanische Aufarbeitung der Judenvernichtung und die Kontinuität der Eliten. Nach mehreren Verfahren wurde Harlan 1949 vom Vorwurf des «Verbrechens gegen die Menschlichkeit» vom Landgericht Hamburg freigesprochen. Den Vorsitz hatte der ehemalige NSDAP-Richter Walter Tyrolf. Nach der Verkündung des Freispruchs trugen seine Anhänger Harlan triumphierend aus dem Gerichtssaal. Heinrich Hoffmann, Freund und Leibfotograf Hitlers, hielt den Triumphzug in weit herum beachteten Bildern fest.

Die gerechte Strafe blieb aus

Harlan war nicht der einzige, der auch nach der Nazizeit geachtet blieb. Eine tragende Rolle in «Jud Süss» hatte der damals bekannte Schauspieler Werner Krauss. Er verunglimpfte Juden gleich in mehreren Rollen, indem er sie extrem karikierte. Krauss kassierte das höchste Honorar der am Film beteiligten Schauspieler. Nach 1945 wurde Krauss beim Entnazifizierungsverfahren als «Mitläufer» eingestuft. 1954 wurde der bekennende Antisemit mit dem grossen Verdienstkreuz der Bundesrepublik geehrt.

Verantwortlich für «Jud Süss» war Fritz Hippler, Leiter der Abteilung Film im Reichspropagandaministerium und später NS-Reichsfilmintendant. Der SS-Obersturmbannführer, seit 1927 NSDAP-Mitglied, blieb seiner Gesinnung bis zu seinem Tod 2002 treu. So zählte ihn die rechtsextreme «National-Zeitung» zu ihren langjährigen Mitarbeitern. In einem Interview mit der rechten Wochenzeitung «Junge Freiheit» verstieg sich Hippler 1994 zu der Aussage, «dass Goebbels angesichts der aktuellen Meinungseinebnung heute vor Neid zerplatzen würde. Wozu er sich mit seinen Mitarbeitern alle Mühe geben musste, das geschieht heute scheinbar mühelos und spontan. Die Regeln der Political correctness sind ja nichts anderes als Goebbels’ Sprachregelung.» Hippler, so ein Nachruf im NPD-Bundesorgan «Deutsche Stimme», sei «einer der letzten Zeitzeugen gewesen, die für Wahrheit und Ehre ihrer Generation kämpften».





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