Das Essen wird teurer
Israel selbst mehr Getreide anbauen
Von Jacques Ungar
Eine unangenehme Überraschung erlebte Israels Bevölkerung am Ausgang des Pessachfestes Anfang dieser Woche: Während Zehntausende von Haushalten damit beschäftigt waren, das Pessachgeschirr wegzuräumen, um dann anschliessend das erste «nachösterliche» Brot zu erstehen, sickerten Meldungen durch, die bestätigen, dass auch Israel nicht immun ist gegen die Folgen der sich abzeichnenden weltweiten Nahrungsmittelkrise. Zwar betonen zuständige Stellen in Israel, dass die Vorratskammern gefüllt seien und dass von einer eigentlichen Krise keine Rede sein könne, doch die Preise sind inzwischen bereits in eine Aufwärtsspirale geraten, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Für Reis etwa, den «Hauptschuldigen» der gegenwärtigen Probleme, zahlt der israelische Konsument heute 33–65 Prozent mehr pro Kilo als noch vor ein paar Tagen, die Preise für Gefrierfleisch könnten um bis zu 40 Prozent steigen, Brot und Milchprodukte wurden um 4–5 Prozent teurer; das subventionierte Brot dürfte in den nächsten drei Monaten sogar nochmals um 10–15 Prozent teurer werden. Für Kaffee wird eine Preiserhöhung von 5–8 Prozenzt erwartet, und Maiskonserven dürften gar um zehn Prozent zulegen. In der Nahrungsmittelindustrie erwartet man ferner für Produkte, die auf Weizen und Mais basieren, sowie für Kochöl demnächst einen Preisschub von bis zu zehn Prozent, und die Restaurants des Landes rechnen wegen der höheren Einkaufspreise mit einer ähnlichen Verteuerung ihrer Speisekarten.
Weizen im Negev
Die Preiserhöhungen sind nach Ansicht von Experten keine vorübergehende Erscheinung. Yakir Plessner etwa, ein Agrarökonom der Hebräischen Universität, sprach am Montag gegenüber der Zeitung «Haaretz» von einer der «gravierendsten Teuerungswelle seit langem», eine Abschwächung sei so bald nicht zu erwarten. Andere Spezialisten warnen vor einem eigentlichen Teufelskreis: Die Preiserhöhungen würden ihrer Meinung nach zu politischen Erschütterungen in angespannten Teilen der Welt führen. Das werde den Ölpreis noch weiter in die Höhe treiben, was sich wiederum auf die Nahrungsmittelpreise auswirken würde. Laut Plessner gibt es nur einen Ausweg für eine Beruhigung an der Preisfront: «Die amerikanischen Bauern müssen auf riesigen Flächen Getreide anbauen.» Bis sich dies aber positiv auf das Preisniveau auswirken werde, würden Jahre vergehen. Bis dahin werde Israel nur verlieren können, da das Land fast alle seine Saaten einführt – sowohl für den menschlichen als auch für den tierischen Konsum. Bei den derzeitigen Preisen sollte Israel laut Plessner mehr Weizen anbauen. «Auf weiten Landstrichen kann Weizen ohne künstliche Bewässerung angebaut werden, und im Negev lässt sich zu diesem Zweck behandeltes Wasser verwenden.»
Weniger überrascht als über die Explosion der Nahrungsmittelpreisen war die Öffentlichkeit über das Urteil, das der Jerusalemer Bezirksrichter Jacob Zaban am Sonntag gegen den Knessetabgeordneten Shlomo Benizri (Shas) fällte. Wegen Bestechung soll Benizri für 18 Monate ins Gefängnis wandern. Hinzu kommen acht Monate auf Bewährung sowie eine Geldstrafe von 80000 Schekel. Rabbi Reuven Elbaz, Benizris politischer und spiritueller Patron, wurde zu einer Haftstrafe von acht Monaten auf Bewährung und zu einer Busse von 120000 Schekel verurteilt.
Überrascht war man in der Bevölkerung höchstens über die Milde der Strafe, nachdem die Staatsanwaltschaft vor Pessach sieben Jahre Haft gefordert hatte. Shlomo Benizri, der weiter an seine «volle Unschuld» glaubt, will in die Berufung gehen, was die Vertreter der Anklage wegen des ihrer Meinung nach zu geringen Strafmasses wahrscheinlich ebenfalls tun werden. – Anfang April hatte das Gericht den Abgeordneten für schuldig befunden, in den Jahren 1996 bis 2001 als Gesundheitsminister, Vizegesundheitsminister sowie als Minister für Arbeit und soziale Wohlfahrt Dienstleistungen im Wert von mehreren 100000 Schekel vom Bauunternehmer Moshe Sela angenommen zu haben. Zudem wurde er wegen Vertrauensmissbrauch, verleiten zum Begehen eines Verbrechens und wegen Behinderung der Justiz verurteilt. Rabbi Elbaz wurde für schuldig befunden, als Vermittler in den Bestechungsfällen gewirkt und ebenfalls zum Vergehen von Verbrechen angestiftet zu haben.
Weil das Gericht die Vergehen von Benizri als «moralisch verwerflich» einstufte, musste der Shas-Abgeordnete seinen Platz im Parlament sofort räumen. Am Hungertuch wird er trotzdem nicht nagen müssen. In den ersten sechs Monaten seiner Suspendierung erhält er ein monatliches Gehalt von rund 16600 Schekel, die Hälfte seines üblichen Lohns. Anschliessend wird ihm bis zur Aufhebung der Amtsenthebung das volle Gehalt von über 33000 Schekel überwiesen. Während dieser Zeit darf der Knessetabgeordnete weder sein offizielles Fahrzeug benutzen noch sich seiner parlamentarischen Assistenten bedienen. Sollte die Suspendierung auch nach der Berufung in Kraft bleiben, würde Benizri eine einmalige Abfindung von 200000 Schekel erhalten sowie eine monatliche Rente von 13000 Schekel. Auf die rund 10000 Schekel, die ehemalige Knessetabgeordnete auf Lebzeiten jeden Monat für Telefon- und Zeitungskosten erhalten, müsste Benizri allerdings verzichten, sollte er nicht vom Vorwurf der «moralischen Verderbtheit» reingewaschen werden.
Das Gerüchtekarussel dreht sich weiter
Weder die Explosion des Reispreises noch die kaum noch abzuwendende Haftstrafe für Shlomo Benizri konnten verhindern, dass sich in den Medien das Gerüchtekarussell rund um eine Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen Israel und Syrien immer wilder drehte. Der Besuch des türkischen Premierministers Recep Erdogan bei Syriens Präsident Bashar Assad in Damaskus dieses Wochenende hat diesen Gerüchten zusätzlichen Auftrieb verliehen. Im Mittelpunkt der zweistündigen Unterredung standen die türkischen Vermittlungsversuche zwischen Damaskus und Jerusalem. Möglicherweise kommt schon bald ein Emissär Erdogans nach Israel, um Premier Olmert über allfällige Forschritte Bericht zu erstatten. Ob allerdings bereits effektive Fortschritte verzeichnet wurden, muss bezweifelt werden, denn die Forderung des syrischen Präsidenten, Israel müsse sich noch vor Verhandlungsbeginn schriftlich zum vollen Abzug vom Golan verpflichten, wird wohl kein israelischer Regierungschef akzeptieren können, der noch eine Weile im Amt bleiben möchte. Unbestritten ist aber, dass sowohl Olmert als auch Assad in Zeitungsinterviews und bei öffentlichen Auftritten sich zumindest virtuell langsam aber stetig aufeinander zu bewegen. Das registriert auch die israelische Opposition, die unter Anführung von Likud-Chef Netanyahu nervös und aggressiv auf Olmerts Avancen in Richtung Damaskus reagiert. Olmert lässt nichts anbrennen und erinnerte Netanyahu daran, dass dieser als Regierungschef einen amerikanischen Abgesandten nach Damaskus zu Assad senior geschickt und ihm den Golan auf dem silbernen Tablett offeriert hatte.
Abzuwarten bleibt, inwieweit die Veröffentlichungen im US-Senat über den israelischen Luftangriff vom September 2007 auf einen vermuteten syrischen Atomreaktor das psychologische Duett Olmert-Assad beeinflussen werden. Die Ausreden der Syrer über die tatsächliche Funktion der getroffenen Anlage überzeugen niemanden; Israel wiederum fürchtet, dass in dem Bericht zu viel über die Geheimdienstarbeit enthüllt wird. Man kann aber davon ausgehen, dass die Alarmstimmug, welche die diversen Äusserungen Olmerts zum Golan bei den auf diesen Hügeln wohnenden Israeli ausgelöst hat, nicht ganz unbegründet sein dürfte.


