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30. April 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 18 Ausgabe: Nr. 18 » April 30, 2008

Das Elend der Welt per Mausklick

April 30, 2008
Mit Google Earth Outreach bietet sich gemeinnützigen Organisationen ein neuer Weg, an die Öffentlichkeit zu gelangen.
Der UNHCR-Layer von Google Earth Farbige Icons symbolisieren
Flüchtlingslager

Von Simon Spiegel

Google, die meistgenutzte Internetsuchmaschine, kennt jeder; für viele ist der Name Google schon fast ein Synonym für das Internet. Auch Google Earth erfreut sich schon seit längerer Zeit grosser Beliebtheit: Mit dem kostenlosen Programm erhält man Zugriff auf Sattelitenfotografien des ganzen Erdballs und kann mit dem Computer frei über den ganzen Globus hinweggleiten. Ganz im Sinne von Googles Ziel, möglichst viel Information zu organisieren und verfügbar zu machen, kann man sich bei seinen virtuellen Weltreisen alle möglichen Daten einblenden lassen: Einfach den gewünschten Layer aktivieren, und schon steht eine neue Informationsschicht zur Verfügung. Von Strassennamen über Hotels und Restaurants bis zu diversen Sehenswürdigkeiten. Und ganz im Sinne des sogenannten Web 2.0, bei dem die Mitarbeit der einzelnen Benutzer im Vordergrund steht, kann man sich auch Zusatzdaten einblenden lassen, die nicht von Google selbst, sondern von Dritten stammen: Wikipedia-Einträge, Kurzartikel von «National Geographic», Fotos von Privatpersonen und vieles mehr.

Ein Programm für gemeinnützige Organisationen

Der neuste Layer, den Google Earth nun anbietet, ist das Programm Google Earth Outreach, das sich speziell an gemeinnützige Organisationen richtet. Diese können beispielsweise ihre Arbeit in den aktuellen Krisengebieten mit Text, Bildern oder Videos präsentieren und so ein weltweites Publikum erreichen. Ein Partner, der dieses Angebot bereits fleissig nutzt, ist das UNHCR, die Uno-Flüchtlingsorganisation.

L. Craig Johnstone, der Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, sieht in dem neuen Angebot denn auch ein ideales Instrument, um die Menschen über das weltweite Flüchtlingselend zu informieren: «Indem wir unsere Arbeit in einem geografischen Kontext präsentieren, können wir den Menschen auch klar machen, mit welchen konkreten Problemen wir vor Ort zu kämpfen haben und wie wir diese angehen.»

Die Benutzung des neuen Angebots ist einfach: Auf der Seite des Outreach-Programms sind einige der verschiedenen Projekte und Organisationen aufgeführt, die momentan über Google Earth erreichbar sind. Andere sind direkt über die Websites der jeweiligen Organisation verfügbar. Neben dem UNHCR sind das unter anderem auch UNEP, das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, das Jane-Goodall-Institut, aber auch kleinere Organisationen wie Appalachian Voices, die sich mit den Auswirkungen des Kohleabbaus in den Gebieten der Appalachen beschäftigen. Ebenfalls vertreten ist das Washingtoner Holocaust Memorial Museum, das hier sogar Pionierarbeit geleistet hat. Das Museum sieht seine Aufgabe nicht nur darin, an den Holocaust zu erinnern, sondern auch aktuelle Genozide anzuprangern. Folglich machte man im Rahmen der sogenannten Genocide Prevention Mapping Initiative Informationen zur Darfur-Krise auf Google Earth verfügbar. Das Museum war damit die erste Organisation, die die Software von Google auf diese Weise nutzte.

Einfache Bedienung

Hat man sich für ein Projekt entschieden, braucht es nur einen Klick. Dann wird eine sogenannte KML-Datei, in der Google Earth die Daten abspeichert, heruntergeladen, und schon steht der neue Layer zur Verfügung. Google Earth arbeitet mit der Einblendung von Icons auf der Landkarte; mit dem UNHCR-Layer etwa kommt eine ganze Reihe neuer Symbole dazu, etwa beim Hauptsitz in Genf, wo auf Mausklick allgemeine Informationen über das Uno-Hilfswerk angezeigt werden. Doch der Fokus dieses speziellen Layers liegt natürlich auf anderen Kontinenten; fährt man etwa Richtung Tschad, tauchen zahlreiche grüne und rote Dreiecke auf, die Flüchtlingsströme und -lager symbolisieren. Klickt man auf das Flüchtlingslager von Djabal beispielsweise, werden zahlreiche weitere Icons sichtbar; etwa die Zahl der Flüchtlinge (über 15000) oder Angaben zu den von UNHCR installierten Wasserabfüllstationen (rund ein Dutzend). Die weiteren Informationen sind dann teilweise redundant; so wird bei jedem Wasserhahn-Symbol der gleiche Text angezeigt.

Weiter östlich, im Nahen Osten, werden ebenfalls mehrere Flüchtlingslager angezeigt, unter anderem das Lager von Al Tanf, im Niemandsland an der syrisch-irakischen Grenze, in dem Palästinenser Zuflucht finden. Die Informationen, die hier auf Google Earth angezeigt werden, sind ziemlich spärlich: Angegeben werden lediglich das Datum der Lagereröffnung (April 2006) und die Anzahl der Flüchtlinge (710). Woher diese Flüchtlinge kommen oder vor wem sie geflohen sind, ist nicht ersichtlich. Mit nur zwei Klicks kann man aber online für UNHCR spenden.

Welche Informationen konkret zur Verfügung stehen, liegt in der Verantwortung der jeweiligen Organisation. Wie auch bei der Suchmaschine selbst, ist Google nicht redaktionell tätig, sondern stellt lediglich die Infrastruktur zur Verfügung. In der Schweiz etwa werden steuerbefreite gemeinnützige Organisationen für das Outreach-Programm zugelassen und dürfen dann nicht nur ihre Daten via Google Earth präsentieren, sondern erhalten auch kostenlos die nötige Software, um einen eigenen Layer überhaupt zu erstellen. Primär religiöse oder politische Organisationen sind dagegen nicht zugelassen.

Man kann geteilter Meinung sein, ob dieses Angebot von Google nicht eine besonders makabere Form von Infotainment ist, denn mit einem Filmchen über Darfur alleine wird ja noch niemandem geholfen. Aber vielleicht lassen sich auf diese Weise ja auch tatsächlich neue Menschen erreichen. Und letztlich hängt die Qualität der Informationen ganz davon ab, wie die jeweiligen Organisationen das Angebot konkret nutzen.

Google Earth ist kostenlos für Windows, Mac OSX und Linux erhätlich unter earth.google.ch.





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