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25. April 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 17 Ausgabe: Nr. 17 » April 25, 2008

Spioniert Israel in den USA?

April 25, 2008
Über 20 Jahre nach der Affäre Pollard kommt in den USA eine weitere angebliche israelische Spionageaffäre ans Licht: Der 84-jährige Ben-Ami Kadish steht im Verdacht, Israel vertrauliche Informationen, zugespielt zu haben – unter anderem über das amerikanische Atomprogramm.
Späte Folgen Nach 20 Jahren steht Ben-Ami Kadish plötzlich
unter Anklage

Von Jacques Ungar

Warum gerade jetzt? Diese Frage stellte sich nicht nur das israelische Massenblatt «Yediot Achronot» am Mittwoch in grosser Aufmachung. Die Frage beschäftigt vielmehr alle Israel gegenüber positiv eingestellten Menschen und Organisationen, nachdem der 84-jährige Ben-Ami Kadish in New Jersey verhaftet wurde, weil er angeblich vor über 20 Jahren als Spion für Israel aktiv gewesen sein soll. Kadish ist inzwischen gegen eine Kaution von 300000 Dollar aus der Haft entlassen worden ist, er darf das Territorium des Staates New Jersey allerdings nicht verlassen und musste seinen Reisepass den Behörden übergeben. Der US-Jude soll zwischen 1979 und 1985 als Ingenieur bei der US-Armee 30 bis 100 vertrauliche Dokumente aus einer Armee-Bibliothek in Dover, N. J,. behändigt und zusammen mit Yossi Yagur, dem damaligen wissenschaftlichen Konsul am israelischen Konsulat in New York, kopiert haben. Teile der Dokumente sollen die Entwicklung von Atomwaffen und die Verbesserung des F-15-Düsenjägers behandelt haben. Für den angeblichen Spionageakt kann Kadish nicht mehr strafrechtlich belangt werden, weil er mittlerweile verjährt ist, doch dem Vernehmen nach soll er sich vor kurzem mit Yagur getroffen haben, was nach Ansicht der Amerikaner beweise, dass der Mann noch immer in illegale Aktivitäten verwickelt sei. Kadish selber soll die ihm zur Last gelegten Taten zugegeben haben. Er behauptet angeblich, im Interesse Israels gehandelt und kein Geld vom jüdischen Staat erhalten zu haben. Wie Ilan Ravid, sein Amtskollege in Washington, wurde auch Yagur 1985 aus den USA nach Israel zurückberufen, um juristische Konsequenzen in der Affäre Pollard zu vermeiden.

Israelfeindliche Institutionen?

Warum haben es gerade jetzt Kreise in der Abteilung für Spionageabwehr des FBI oder im US-Justizministerium für nötig befunden, eine Angelegenheit publik zu machen, die bestimmt schon seit Monaten wenn nicht sogar seit Jahren auf ihren Schreibtischen gelegen hatte? Um puren Zufall dürfte es sich hier kaum handeln. Dass in den genannten Institutionen nicht wenige Israel gegenüber recht feindlich eingestellte Beamte sitzen, weiss man spätestens seit dem Platzen der Affäre Pollard. Jonathan Pollard hatte ebenfalls Mitte der achtziger Jahre als Offizier des Geheimdienstes der US-Marine für Israel spioniert und verbüsst seither in einem amerikanischen Gefängnis eine lebenslange Haftstrafe.

Wie stark antiisraelische Gefühle in den genannten Kreisen verwurzelt sind, belegt die Drohung des damaligen CIA-Chefs George Tenet, der Präsident Bill Clinton mit seinem Rücktritt für den Fall gedroht hatte, dass Jonathan Pollard freigelassen werden sollte. Das hatte Clinton Regierungschef Netanyahu versprochen, doch nahm er unter Tenets Druck schliesslich Abstand von seiner Zusage. Im Übrigen gibt es weitere Parallelen zwischen dem Fall Pollard und dem möglichen Fall Kadish. Wie schon seinerzeit bei Pollard beteuern das Büro des israelischen Premierministers, das Aussenministerium und Minister Rafi Eitan, damals der Drahtzieher hinter Pollard, auch jetzt wieder, weder von dem Mann noch von dessen angeblichen Aktivitäten etwas zu wissen.

Pollard ist inzwischen längst zum israelischen Staatsbürger hinter US-Gittern geworden, eine «Geste», in deren Genuss vielleicht auch Kadish eines Tages kommen wird … Die zweite Parallele: Doris Kadish, die Gattin des Verdächtigten, beklagt sich, dass sich die israelische Botschaft weigert, ihrem Mann zu helfen – genau wie 1986 schon Pollards Gattin. Und drittens wies in der Nacht zum Mittwoch ein Sprecher des State Department darauf hin, dass das, was für die Affäre Pollard gegolten hat, auch jetzt wieder gelte: Israels Benehmen passe nicht zu einem Freund und Verbündeten der USA. Im Gegensatz zu Pollard hat Kadish allerdings enge Familienagehörige in Israel. Sein Bruder Ehud soll Yagur in den siebziger Jahren kennengelernt haben, als sie beide in der Israel Aircraft Industries gearbeitet hatten. – Kadish, der im US-Staat Connecticut zur Welt kam, wohnte vor 1948 im damaligen Palästina, kämpfte zuerst in der Hagana, der Vorläuferin der israelischen Armee, und während des Zweiten Weltkriegs in der britischen Armee. Anschliessend liess er sich in den USA nieder, wo er heute sehr aktiv ist für jüdische und israelische Belange, etwa für Magen David Adom.

Ein Vetrauensmissbrauch

Warum also gerade jetzt? Im Vordergrund stehen zwei Möglichkeiten. Erstens könnten gewisse Kreise in der US-Administration ein Interesse daran haben, die Stimmung zwischen Washington und Jerusalem im Vorfeld des Israelbesuchs von Präsident Bush Mitte Mai – er kommt zu den 60-Jahr-Festivitäten – zu trüben. Dann darf aber auch nicht ausgeschlossen werden, dass mit der Lancierung der Affäre Kadish die längst fällige Haftentlassung Pollards nach 23 Jahren ein weiteres Mal verhindert werden soll. Was auch immer die Motive sein mögen – in Jerusalem scheint man Mühe mit der Tatsache zu bekunden, dass für die Amerikaner der eigentliche Spionageakt einer befreundeten Nation weniger schwer wiegt als der dahinter stehende Vertrauensmissbrauch. Israel hatte nach der Pollard-Affäre Stein und Bein geschworen, nie wieder einen Spion auf amerikanischem Boden zu beschäftigen. Das treffe auch zu, unterstrich am Mittwoch Tzachi Hanegbi, Vorsitzender der Knessetkommission für Aussenpolitik und Sicherheit. – Er mache sich keine Sorgen, alles werde wieder gut werden, beteuerte Kadish nach seiner Haftentlassung. In «Yediot Achronot» dagegen schreibt Eitan Haber in seinem mit «Mehr als Pollard» betitelten Kommentar: «Das hat uns gerade noch gefehlt.» Israels Erfahrung mit alten Geschichten zeige, dass auch diese Regierungen stürzen und das politische Image des Landes auf Generationen hinaus beflecken können. – Alle Optionen scheinen im Fall Kadish offen zu sein, doch wirklich Gutes dürfte dem Staate Israel aus ihm kaum erwachsen





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