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25. April 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 17 Ausgabe: Nr. 17 » April 25, 2008

Rehabilitierung von Pilet-Golaz?

April 25, 2008
Die «Weltwoche» stilisiert den Aussenminister der Kriegsjahre Marcel Pilet-Golaz einmal mehr zum reinen Helden. Drei Mitglieder der Bergier-Kommission nehmen für tachles Stellung.
<strong>Marcel Pilet-Golaz</strong> Der ehemalige Aussenminister der Schweiz wird die Historiker und Historikerinnen noch l&auml;nger besch&auml;ftigen m&uuml;ssen

Person und Politik von Bundesrat Marcel Pilet-Golaz, ab 1940 Schweizer Aussenminister, ist durch die Forschung erschlossen, gut dokumentiert und vielfach beschrieben. Der Journalist und Autor Hanspeter Born lässt dennoch nicht locker. In der «Weltwoche» vom 10. April behauptet der 70-Jährige, Pilet sei «der bedeutendste Schweizer Staatsmann des 20. Jahrhunderts» gewesen. Sonst gewichtet die «Weltwoche» diese Hitparade mit ihrem Lieblingspolitiker Christoph Blocher allerdings ganz anders. Schon 2003 hatte Born im selben Blatt eine mehrteilige Serie über Pilet-Golaz veröffentlicht, war damals aber noch differenzierten Antworten zugänglich, wie der Zürcher Historiker Jakob Tanner sagt, der Born zum Thema dieser Serie ein Interview gab. Es ging damals um den Hintergrund, beispielsweise die von Edgar Bonjour gemachte Zweiteilung der Geschichte zwischen dem «bösen Bundesrat» und dem «guten General», die tatsächlich nicht haltbar sei.

Tanner warnte Born schon vor fünf Jahren, die Absicht, aus Pilet-Golaz den neuen Helden zu konstruieren, sei nur um den Preis einer schlimmen Geschichtsklitterung zu haben. «Wird immer wieder dasselbe behauptet, wird es dadurch nicht wahrer, sondern jedes Mal noch einseitiger und vielleicht noch ein bisschen einfältiger», sagt Tanner.

Selbstgefällig und falsch

Der neueste Artikel Borns über Pilet-Golaz ist eine veritable Heldensage. «Dass unser Land den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstand, verdankt es nicht zuletzt dem damaligen Aussenminister», schreibt Born diesmal. Im Gegensatz zu den erbitterten Gegnern der Geschichts-Aufarbeitung der Schweiz im Zweiten Weltkrieg durch die Bergier-Kommission postuliert er zudem im milden Licht der Retrospektive: «Die unmittelbare Kriegsgefahr für unser Land hatte sich verzogen, als Pilet, seit einem Jahrzehnt Vorsteher des Post- und Eisenbahndepartements, am 16. Dezember 1939 zum Bundespräsidenten gewählt wurde.»

Wirklich? Die Bedrohungssituation haben jene zwei Generationen von Historikern teilweise ganz anders beurteilt, denen Born ausgerechnet vorwirft, «angefangen vom offiziellen Chronisten Edgar Bonjour bis zum Kollektiv, das den Bergier-Bericht zusammentrug», hätten sie versäumt, «die Schlüsseldokumente unbefangen zu lesen und richtig zu werten». Ausnahmen sind für ihn nur Philippe Marguerat, alt-Bundesrat und Historiker Georges-André Chevallaz und vor allem Erwin Bucher, auf den er sich stark stützt. Der Autor Born, der in mehreren Büchern vergeblich – aber glänzend geschrieben – versuchte, den Eltern des Opfers den «Mord in Kehrsatz» in die Schuhe zu schieben und der nach dem kürzlichen Gemäldediebstahl in der Zürcher Bührle-Sammlung nochmals seine These aufwärmte, die «blühenden Kastanienzweige» seien nicht von Vincent van Gogh persönlich gemalt worden, stellt selbstgefällig und falsch in den Raum, die Bücher dieser drei Historiker seien «von den Medien kaum beachtet worden».

Auf Kooperation mit Deutschland gesetzt

Wie heikel und völlig am Gespür der Bevölkerung vorbei Pilet-Golaz dachte und handelte, zeigte sich in seiner verhängnisvollen Rede einen Tag nach der Kapitulation Frankreichs am 25. Juni 1940. Seit dem Überfall Nazideutschlands auf die Neutralen und auf Frankreich am 10. Mai 1940 hatte er wie der Gesamtbundesrat kein Wort verloren. Nun seien alle Schweizer Nachbarn auf dem richtigen Weg, sagte der Bundespräsident der nunmehr von Achsenmächten eingekreisten Schweiz sinngemäss. Und er erklärte, die «Ereignisse marschieren schnell» und man müsse sich «ihrem Rhythmus anpassen». Gleichzeitig kündigte er an, das Gros der Armee würde heimgeschickt. Dieselbe demoralisierende Wirkung auf die Bevölkerung hatte der Empfang von drei führenden Schweizer Frontisten durch den Bundespräsidenten Pilet-Golaz am 10. September 1940.

Pilet, das betont auch Tanner, sei auf auf politische Anpassungsforderungen, wie sie vom Schweizer Gesandten in Berlin, Hans Frölicher, geäussert wurden, nicht eingetreten, habe aber voll auf die wirtschaftliche Kooperation mit Deutschland gesetzt. Im Juni 1940 kämpfte eine Schweizer Verhandlungsdelegation mit einem Konflikt: Es gab eine deutsche Sperre der Kohlelieferungen, Probleme mit Clearing-Krediten und -Schulden, und die Wehrmachtsführung wünschte grosse zusätzliche Lieferungen von Munition, Maschinen und Landwirtschaftsprodukten. Der deutsche Delegationsleiter Johannes Hemmen wiederholte am 29. Juni 1940 erneut die Forderung nach einem staatlichen Clearing-Kredit der Schweiz und bezog sich dabei explizit auf die Rede Pilets vier Tage zuvor, in welcher der Bundespräsident der Bevölkerung «Beschäftigung um jeden Preis» versprochen hatte («Clearing», Studie der Bergier-Kommission, Seite 131). Finanzminister Wetter, den die hohen Kredite für Deutschland ärgerten, notierte 1943 im Tagebuch, Pilet stimme allem zu, weil er «nur keine Schwierigkeiten» wolle (Seite 152).

Antisemitische Züge

Aber Pilet-Golaz zeigte auch durchaus antisemitische und befremdlich unmenschliche Züge. Im September 1942 legte er sein Veto gegen zwei Projekte der Kinderhilfe ein: 500 jüdische Kinder in der Schweiz aufzunehmen wie so viele andere aus dem Kriegsgebiet auch, und einige tausend von ihnen vorübergehend zu akzeptieren, um ihnen die Weiterreise in die USA zu ermöglichen. Tausende jüdischer Kinder waren in Frankreich nach der Deportation ihrer Eltern im August 1942 in die Vernichtungslager allein zurückgeblieben; ihnen drohte das gleiche Schicksal. Handschriftlich notierte Pilet, man müsse in Frankreich eingreifen, die Aufnahme in der Schweiz stand dagen nicht zur Dikussion: «Der Wirbel rund um dieses Problem wird je länger, je gefährlicher». Die Schweiz sei in den letzten 100 Jahren «zweimal wegen den Flüchtlingen kurz vor einem Krieg gestanden» («Die Schweiz und die Flüchtlinge zur Zeit des Nationalsozialismus», Studie der Bergier-Kommission, Seite 348). Damit spielte er laut der Studie wohl darauf an, dass Frankreich 1838 die Ausweisung des künftigen Napoleon III. verlangt hatte sowie auf einen Konflikt mit Bismarck 1889 betreffend Wohlgemuth. Der einzige neue Punkt in Borns aktuellem Artikel ist die These, Pilet-Golaz habe sich um die Rettung der ungarischen Juden verdient gemacht: «Auf Anweisung Pilets übernahm die Schweizer Botschaft in Budapest die Interessenvertretung von El Salvador, was einzig dem Zweck diente, Zehntausende ungarischer Juden mit salvadorianischen Pässen zu versehen. Auch die Einreisegenehmigung für 8000 ungarische Juden in die Schweiz wurde von Pilet angeordnet.»

Vertiefte Untersuchung notwendig

Im Bergier-Bericht über die Flüchtlingspolitik wird, so Tanner, El Salvador tatsächlich nicht speziell angesprochen. Es werden aber (auf Seite 334) allgemein die Schutzmachtmandate zugunsten anderer Staaten erwähnt und besonders die Rolle Carl Lutz in Budapest hervorgehoben. Die Passage im Bergier-Bericht (S. 268) lautet: «1944, insbesondere seit dem Sommer, reagierten die eidgenössischen Behörden, wenn auch noch zögerlich, auf die Judenverfolgung in Ungarn. Bern machte vor seinen Vertretern in Budapest jedoch kein Geheimnis daraus, dass das EPD der Wirkung diplomatischer Proteste, welche sein Prestige aufs Spiel setzten, skeptisch gegenüberstand und eine ‹vielleicht bescheidene, dafür aber wirkungsvollere Hilfsaktion› einer verbalen Verurteilung vorzog. Die humanitären Aktionen und die Rettungsversuche nahmen auch tatsächlich zu, was wie es Favez ausgedrückt hat, an eine «humanitäre Aufholjagd erinnert.»

Tanner präzisiert dazu: «Im Rahmen dieser ‹Aufholjagd› wurde zum Beispiel auch die sehr merkwürdige Rettungsaktionen von J. M. Musy durchgeführt, der dank seinen Kontakten zu Nazi-Grössen im Februar 1945 die Rettung von 1200 Juden aus Theresienstadt organisieren konnte. Pilets Rolle in den Rettungsaktionen in Budapest bedarf einer vertieften Untersuchung; sie kann, in Anbetracht seiner Rolle im Jahre 1940 und seiner Haltung während der Kriegsjahre, keineswegs so einfach beurteilt werden, wie das nun im Beitrag von Born geschieht.»

Gisela Blau


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