McJudentum
Pessach als Idee. Erst durch Reduktion, Be- und Einschränkung ist die Bedeutung von Pessach erfahrbar. Kein gesäuertes, sondern Armenbrot, keine Hülsenfrüchte, kein Mehl, spezielle Produkte, anderes Geschirr, Reinigung, Wochen der Vorbereitung. Pessach ist Verzicht. Erinnerung an die Gefangenschaft. Besinnung auf das Wesentliche.
Pessach outgesorced. Heutzugtage verkommt Pessach vielerorts zum Exzess. Wie viele Kinder haben noch nie einen richtigen Seder mit Vorritual zu Hause erlebt, sondern kennen Pessach nur als pervertierten Unsinn, weil buchstabengetreu, formalistisch alle Ge- und Verbote erfüllt werden und die Idee darin ertränkt wird?
Pessach-Sport. Der Auszug von Jüdinnen und Juden in Pessachhotels führte in diesen Tagen zu leeren Synagogen. Meterlange überquellende Buffets offerieren täglich an den besten Adressen der Welt ein Schlaraffenland zum teuren Pauschalangebot anstatt Abstinenz. Auch zu Hause machen sich viele einen Sport daraus, Pessach bis in die letzte mikrokoschere Dimension zu erfüllen, den Seder als frivolles Happening zu zelebrieren und die Religion ad absurdum führen.
Pessach-Kaschrut. Brot koscher lepessach, Pizza koscher lepessach, Cornflakes koscher lepessach, Teigwaren koscher lepessach, Coca Cola koscher lepessach, Luxus wie koschere Gänseleber, koscherer Kaviar und so fort: Da jagt eine vermeintliche Innovation die nächste. Der Stempel ist echt, doch der Inhalt wird zur Farce, zur Simulation dessen, was nicht sein sollte. Koscherstempel drauf und die Legitimation für jeglichen Unsinn ist gegeben. Was für Rabbiner, was für detail- und paragraphenbesessene Religionsprediger karikieren Judentum auf diese Art und Weise? Wie viele Kinder kennen Pessach vielleicht noch aus der jüdischen Schule und haben es dennoch nie erfahren? Wie viele Kinder von heute zelebrieren einen Pessachfetischismus, erhalten Judentumhäppchen, inhaltslos, Judentum-Fastfood im Übermass, seelenlos.
Pessach-Kitsch. Überall steht Judentum drauf. Auf den
Essenspackungen, auf den Flyern von Chabad Lubawitsch, auf den rabbinisch abgesegneten
Angeboten. Die Hüllen glänzen, die Reklamen leuchten, doch drin ist
ein grosses Nichts. Ein wenig jüdisches Parfüm für ein wenig
jüdisches Gefühl, paragraphenkonforme Spitzfindigkeiten hinter denen
die eigentliche Idee, die jüdische Erziehung, das ursprünglich Sinnhafte
und Sinnliche verloren geht.
Pessach-Paradox. Judentum verkommt immer mehr zum Produkt, zur Etikette, zur Hülle. Bereits in wenigen Tagen werden jüdische Organisationen, Erziehungsexperten, Rabbiner, Funktionäre wiederum Kongresse, Symposien und Bildungsprogramme zum bedeutungslosen Label «Jüdische Identität» durchführen. Wiederum für teures Geld viel Schein für wenig Sein organisieren und jüdische Identitätsuniformen zementieren. Doch nichts ist dem Judentum fremder als Dogmatismus, Ideologien und statische Konzepte. Jüdinnen und Juden brauchen keine angedichtete Identität, sondern einfach nur authentisches Judentum.


