Kleine Pessachgeschichte ohne Moral
Gerne wollten wir Pessach feiern. Gerne wollten wir Juden sein. Pessach ist ein sehr jüdisches Fest. Der Familienrat hatte getagt und entschieden: Wir würden Pessach feiern, jüdisch feiern, einen echten Seder bei uns zu Hause. Wir würden uns nicht mit Plastiktellern zwischen die anderen Kontingentflüchtlinge an die Tische in der Gemeinde quetschen, würden uns nicht über die neue Frisur von Herrn Grinblums neuer Frau auslassen (hatte man nicht schon im Wohnheim bei der Ankunft geahnt, dass er sie bald verlassen würde!), während der Kantor irgendwas in hebräischem Kauderwelsch vor sich hinjammerte. Wir würden einen selbständigen Familienseder feiern, so wie es der Urgrossvater im weissrussischen Stetl einmal getan haben musste; zumindest in der Familiensaga tat er das.
Wir waren 1992 nach Deutschland eingewandert und gehörten somit zu den ersten Kontingentflüchtlingen, die in Strömen die deutschen Gemeinden eroberten mit ihrer Sprache, ihrem gefillten Fisch und den sonderbaren Schachclubs. Wir lebten bereits seit ein paar Jahren in Deutschland und hatten die ersten Schwierigkeiten bereits gemeistert: Deutschkurs abgeschlossen, Arbeit gefunden, sogar eine grosse mahagonifarbene Wohnwand für das Wohnzimmer gekauft. Ich, das Kind, machte sogar schon Fehler, wenn ich Russisch sprach.Ein Keller ist wie ein Mülleimer
Ich, das Kind, ging auch brav jede Woche in den jüdischen Religionsunterricht, wo ich Freunde hatte, echte deutsche Juden! Bei einer solchen Freundin hatte ich im Jahr zuvor Pessach, Familienseder, feiern dürfen und wurde aufgrund dieser Vorkenntnisse zur Pessach-Leiterin erwählt. Die Kinder, um deretwillen so viele Kontingentflüchtlinge den Schritt der Auswanderung wagten, bringen ihren Familien das Judentum zurück, das diese irgendwo auf dem Weg zum Kommunismus verloren haben.
Mein Vater holte Matzot in der Synagoge ab. Wir besorgten eine russisch-hebräische Haggada. Meine Mutter schrieb die Zutaten des Seder-Tellers auf ihre Einkaufsliste und lud einen älteren, allein stehenden Herrn aus Weissrussland zu unserem Fest ein, denn: Es gehört sich für ein religiöses jüdisches Haus, diejenigen zu sich zu bitten, die nicht das Glück haben, einen Familienseder zu haben. Die Vorbereitungen waren in vollem Gange.
«Wir müssen alles Chamez vernichten!», erklärte ich im Vorfeld in einem Ton, der keine Widerrede duldet, selten hatte ich als Kind das Kommando, ich genoss es in vollen Zügen. «Ja, Chamez, ich erinnere mich an dieses Wort von meiner Grossmutter!», rief mein Vater freudig aus. «Was ist denn genau Chamez?», wollte meine Mutter wissen. Stolz zählte ich auf, was ich im Religionsunterricht gelernt hatte. «Aber wir können doch nicht alles Mehl, alles Brot wegschmeissen!», rief mein Vater aus, der nicht nur eine orthodoxe Grossmutter gehabt, sondern den Zweiten Weltkrieg als Kleinkind überlebt hatte und deshalb im Keller Vorräte für ein Jahr im Voraus hortet. «Aber es gehört sich so! Wenn wir einen richtigen, koscheren Pessach feiern wollen, müssen wir das!», belehrte ich ihn, jedem orthodoxen Rabbiner zur Ehre gereichend.
Auf den Keller einigten wir uns als Kompromiss. Ein Grossteil der jüdischen Religion besteht aus Diskussionen, Verhandlungen und Auslegungen über das Gesetz. Der Auslegung meines Vaters zufolge gehörte unsere Kellerkammer nicht direkt zu unserer Wohnung und war somit als Mülleimer sehr geeignet. Verbrennung und Mülleimer respektive Keller seien in unserer Zeit eigentlich dasselbe, philosophierte mein Vater.
Das soll unser Essen sein?
Ein paar Stunden vor dem Pessach bereitete ich zusammen mit meiner Mutter den Seder-Teller vor. Wir hatten keinen, weshalb wir die Zutaten auf einer grossen Servierplatte gemäss dem Bild auf der Haggada verteilten. Das mit dem Bitterkraut fand meine Mutter verwirrend. «Das ist unser Essen?», fragte mein Vater schockiert, als er die Küche betrat. «Das soll das Festessen sein?» Ein Festessen, das weiss doch jedes russische Kleinkind, besteht aus vielen Vorspeisesalaten, Kaviarhäppchen, einem fleischigen Hauptgang und natürlich einer Buttercremetorte. Auf unserem festlichen Seder-Teller waren ein Hähnchenknochen, ein paar Kräuter, ein Ei verteilt. Wir beruhigten meinen Vater dahingehend, dass es nach der Seder-Zeremonie ein richtiges Essen geben würde. Ohne Kaviar heute, da unkoscher. Gerne wollten wir Juden sein.
Feierlich gekleidet setzten wir uns an den festlich gedeckten Tisch, meine Mutter hatte die aus der Sowjetunion mitgebrachte weisse Seidentischdecke hervorgeholt. Unser älterer Gast trug eine schwarze Fliege.
Mein Vater las die Geschichte des Auszugs aus Ägypten vor. Auf Russisch, versteht sich. Die Geschichte des jüdischen Volkes ist eine traurige, ereignisreiche, kluge – und lange. Die Geschichte des Auszugs aus Ägypten ebenso. Ab und zu blätterte mein Vater möglichst unauffällig ans Ende, um zu schauen, wie viele Seiten noch blieben. Er hatte Hunger, denn meine Mutter hatte uns, um die Vorfreude auf den Sederabend zu steigern, kein Mittagessen vorgesetzt. Brot hatten wir nur im Keller.
«Das ist wichtig! Das ist sehr wichtig! Das ist unsere Geschichte, das sind unsere Vorfahren!», rief ich jedes Mal aus, wenn mein Vater einen Absatz zu überspringen versuchte. Manches wollte ich kommentieren, nicht umsonst war ich jede Woche in den Religionsunterricht gegangen.
Wenn ich nicht mit meinen Kommentaren unterbrach, unterbrach der ältere Herr aus Weissrussland, der in seinem weissrussischen Leben einen Chor geleitet hatte. Er wollte gerne ein Pessachlied singen. Das Lied hiess «Schabbat Schalom». Manchmal unterbrach meine Mutter, die sich wunderte, warum es keine genaue Anweisung gab, das Bitterkraut zu essen.
Mein Vater fragte: «Wann gibt es denn Essen?»
Ich hatte auch Hunger. Wir kürzten die Geschichte des Auszugs der Juden aus Ägypten ein bisschen ab. All die 40 Jahre kann man eh nicht nacherzählen. Den Afikoman zu verstecken wollte ich mir aber nicht nehmen lassen, schliesslich war ich die Kleinste (wenn auch heute die Kommandozentrale). «Afikomon?», sagte meine Grossmutter und betonte das Wort Jiddisch auf dem «i». «Daran kann ich mich noch erinnern! Man muss den Afikomon verstecken! Ejngesundenkopp, das hatte ich ja völlig vergessen!» Der Vater meiner Großmutter hatte einmal eine Jeschiwa geleitet, später war er von den Deutschen umgebracht worden. «Ejngesundenkopp!», rief meine Großmutter in Deutschland oft aus, wann immer ich etwas anstellte.
Mein Vater sagte, er stehe nun wirklich nicht noch auf, um ein Stück Matza zu verstecken. Er habe genug von Matza. Er hätte jetzt wirklich gerne was zu essen. Ich sagte frech, das gehöre sich aber nicht. Man müsse den Afikoman verstecken. Echte Juden machen das so. Echte Juden lesen die ganze Haggada vor und beten zwischendrin ein bisschen. Echte Juden, sagte ich …
«Ich bin ein echter Jude!», sagte mein Vater, denn Väter haben irgendwie immer das letzte Wort. Beleidigt knabberte ich den Rest des Abends an meiner Matza.
Jahre später verbrachte ich Pessach in einer orthodoxen Familie in Israel. Der Kleinste stellte singend die Fragen, der Seder-Teller war wunderschön, der Vater hatte wie in Kinderbüchern einen langen, fast grauen Bart. Man sang Pessachlieder und sass angelehnt am Tisch. Pessach, ein jüdisches Fest. Selten habe ich meine Familie so vermisst.Lena Gorelik


