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25. April 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 17 Ausgabe: Nr. 17 » April 25, 2008

Engagement in Entwicklungsländern

April 25, 2008
An einer Konferenz in Israel debattierten jüdische Hilfsorganisationen aus aller Welt über die Möglichkeiten, einen jüdischen Welt-Volontärdienst zu bilden. Der Wille ist vorhanden, das konkrete Konzept noch nicht.
Internationales Engagement Das Negev-Institut ist bereits
heute in Sri Lanka aktiv

Von Anshel Pfeffer

In einigen Jahren werden Juden aus Israel und aus aller Welt – Hochschulabsolventen, Studenten und Berufstätige auf dem Höhepunkt ihrer Karriere – die Möglichkeit haben, eine einjährige Pause einzulegen und Freiwilligenarbeit in Entwicklungsländern zu leisten. Sie werden das unter der Schirmherrschaft einer internationalen jüdischen Organisation tun, die Projekte in der ganzen Welt betreibt, und sie werden in Israel zusammen mit Hunderten anderen jüdischen Freiwilligen eine Grundausbildung für ihren Einsatz absolvieren. Bis dieser Traum aber Wirklichkeit wird, versuchen Dutzende jüdischer und israelischer Hilfsorganisationen, die Agenda der jüdischen Philanthropie und die Prioritäten des Establishments in Israel und der Diaspora zu ändern. Leitende Persönlichkeiten von Hilfsorganisationen debattierten unlängst in Neve Ilan bei Jerusalem zum Thema «Religion und internationale Hilfe». Der Anlass war organisiert von der Hartog-Schule für Regierung und Politik an der Tel Aviv Universität.

«Wir fühlen uns verpflichtet»

«Sie sagen immer, für das jüdische Volk gäbe es Wichtigeres und Dringenderes zu tun», meint Charles Kayden, Direktor der Pierce Foundation, einer privaten britisch-jüdischen philanthropischen Stiftung, die Projekte in Afrika betreibt. «Wir wollen neu definieren, was eine jüdische Zielsetzung ist. Der Kampf gegen Armut und Krankheit, Unterstützung von Obdachlosen oder globale soziale Gerechtigkeit – all das sind Bestandteile jüdischer Wertvorstellungen.» Das Bewusstsein für diese Thematik sei, wie Kayden hinzufügte, bereits gewachsen, doch die grossen Spender würden immer noch abseits stehen. «Wir müssen Druck auf die Regierung Israels und auf das Establishment in der Diaspora ausüben, um diese Themenkreise auf ihre Prioritätenlisten zu bringen», so Kayden. Die Konferenzteilnehmer erklärten, effektiv nicht auf Widerstand gestossen zu sein, wenn sie mit Gemeindemitgliedern oder Israeli über ihre Zielsetzungen sprachen, doch habe sich das noch nicht in eine breitere praktische Mobilisierung für ihre Sache umgesetzt. «Menschen reagieren etwa mit der Bemerkung, Juden hätten genug eigene Probleme», meinte Ruth Messinger, Präsidentin des American Jewish World Service. «Wir sollten aber begreifen, dass die jüdische Gemeinschaft in den USA ein Wohlstandsniveau erreicht hat, von dem unsere Grosseltern nicht einmal zu träumen wagten. Das verpflichtet uns.» Die vor 23 Jahren gegründete Organisation hat schon in 36 Ländern Projekte verwirklicht. Jedes Jahr werden 600 Freiwillige – Studenten und Berufstätige – für je einen Monat dauernde Volontäreinsätze in die betreffenden Staaten geschickt. Das Jahresbudget beläuft sich auf 35 Millionen Dollar.

Ann Heiman leitet eine amerikanische Familienstiftung, die ein Jugenddorf für Waisenkinder aus dem ruandischen Bürgerkrieg aufbaut. Es bereite ihr keine Mühe, sagte sie, die Botschaft jüdisch-humanitärer Bemühungen an die jungen Menschen in den USA weiterzugeben: «In einem jüdischen Rahmen nach Afrika zu gehen, begeistert sie sofort. Keine Woche vergeht, ohne dass ich nicht E-Mails hilfsbereiter Leute bekomme, dabei haben wir unser Jugenddorf noch gar nicht eröffnet. In Israel reagieren die Menschen vor allem überrascht. Sie hatten keine Ahnung, dass so etwas überhaupt möglich ist.»

Kein Null-Summen-Spiel

Eli Fried von der Tel-Aviv-Universität, der die Konferenz von Neve Ilan organisiert hat, meint: «Die jüdische Betrachtungsweise, der zufolge die Armen der eigenen Stadt höchste Priorität geniessen, ist kein Null-Summen-Spiel.» Laut amerikanischer Studien sind nur sieben Prozent jüdisch-philanthropischer Spenden in den USA für jüdische und israelische Zwecke bestimmt. An potenziellen Ressourcen, möglichen Plänen und guten Absichten fehlt es nicht. Die Sache ist die, dass die Meinungen bezüglich der Motive und der Zielobjekte hin und wieder auseinander gehen. Auf der einen Seite gibt es jene, die sagen, das Ziel der humanitären Hilfe sei in sich ein jüdischer Wert und sollte somit auch der Fokus sein. Andere wiederum wollen, dass vor allem jüdische Menschen und Israel von solcher Hilfe profitieren, etwa in der Form einer Kooperation jüdischer Jugendlicher aus aller Welt.

Für Kayden sollte der Schwerpunkt auf der Aktivität selber liegen: «Die Aktivität sollte zugunsten eines Ziels sein und nicht jüdische Jugendliche ihrer Identität näherbringen. Menschen in Entwicklungsländern haben ein Gefühl für Ehrlichkeit. Diese Dinge können höchstens ein marginaler Gewinn sein, aber nicht die zentrale Zielsetzung.» Stanley Bergman von der Schule für Regierung und Politik an der Tel-Aviv-Universität hingegen steht auf dem Standpunkt, einer der wichtigsten Beiträge humanitärer Bemühungen müsse darin bestehen, dass sie jüdische Diaspora-Jugendliche Israel näher bringen: «Heute verlieren die jungen Menschen ihren Kontakt zum Judentum und zu Israel, und solche Projekte können ihnen helfen, den Weg zu jüdischen Werten zu finden.»

Ein jüdischer Welt-Volontärdienst?

Mooli Dor, Leiter des Negev-Instituts, das Projekte zur Förderung der Frau und zur Wirtschaftsentwicklung in den Beduinengemeinden, in den Palästinensergebieten, in Nigeria und in Sri Lanka durchführt, betont, dass humanitäre Hilfe dem Land grosse Vorteile bringen kann: «In Israel haben wir bestens ausgewiesene Experten, die in Entwicklungsländern und Katastrophengebieten tätig sein können. Wir werden interessierten jüdischen Spendern sagen müssen, sie sollen ihre Zielsetzungen via Israel verfolgen. Dadurch wird auch Israel Anerkennung erhalten.» Dor, der auch Vorsitzender der Israelischen Koalition für Internationale Hilfe ist, fährt fort: «Im Rahmen seines humanitären Engagements muss Israel an Orten wie Darfur investieren.»

An fast jeder Sitzung der Konferenz wurde die Gründung eines jüdischen Welt-Volontärdienstes diskutiert. Diese Körperschaft würde ähnlich dem American Peace Corps funktionieren und jedes Jahr Tausende jüdischer Jugendlicher und Berufstätiger in alle Welt entsenden. «Soll eine jüdische Freiwilligentruppe erfolgreich sein», erklärt Akiva Tor, der im israelischen Aussenministerium für die Kontakte zur Diaspora verantwortlich zeichnet, «muss sich eine hochrangige politische Persönlichkeit für die Sache engagieren, oder einer der grossen jüdischen Mäzene muss sich in die Idee verlieben. Wenn wir nur eine erste Gruppe von 100 Volontären erreichen wollen, müssen wir mindestens zehn Millionen Dollar investieren.» Reuven Gal, der im Büro des israelischen Premierministers für den Zivildienst zuständig ist, ist überzeugt, dass ein solcher Volontäreinsatz als Zivildienst angesehen werden könnte. Als Leiter des Carmel-Instituts für Sozialforschung förderte Gal früher ein ähnliches Programm. Man habe, wie er berichtet, Gelder mobilisiert und fand auch Volontäre sowie Orte, an die sie geschickt werden konnten. Allerdings widersetzten sich Eltern nach der Terrorattacke gegen die New Yorker Zwillingstürme und dem Wiederaufflackern der Intifada einer einmonatigen Ausbildung ihrer Kinder in Israel. In der Folge versandete das Programm.

Die meisten der Konferenzteilnehmer waren sich darin einig, dass ein solches Programm allen seriösen jüdischen Kandidaten offenstehen sollte, die gewillt sind, ein Jahr Arbeit zu opfern, und die auch nichts gegen eine Ausbildung in Israel einzuwenden hätten. Sukzessive würde Israel sich zu einem Weltzentrum für internationale Hilfe entwickeln. Jetzt braucht es nur noch Organisationstalente, die gewillt sind, diese Herausforderung anzunehmen.





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