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25. April 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 17 Ausgabe: Nr. 17 » April 25, 2008

Eine Frage der Integration

April 25, 2008
Neuentwicklungen in der modernen Gesellschaft, wie religiöser Pluralismus und Säkularisierungsprozesse, betreffen jede Religion. Für die Schweizer Juden könnte eine jüdische Oberstufe eine Antwort auf diese Entwicklungen sein. Oder auch nicht.
Konfessionelle Privatschule Wäre eine jüdische Oberstufe
der Integration dienlich?

Konfessionelle Privatschulen haben in der Schweiz bereits eine längere Tradition. So gab und gibt es katholische, evangelische und jüdische Schulen. Auf Grund der Glaubens- und Gewissensfreiheit ist der Staat verpflichtet, konfessionelle Privatschulen zu tolerieren. Ziel der Pädagogik muss sein, die Fähigkeiten der jungen Menschen zu fördern und sie auf das Leben in der Gesellschaft vorzubereiten. Es stellt sich daher die Frage, ob in einer multikulturellen Gesellschaft monokulturelle Schulen sinnvoll sind. Wäre eine jüdische Oberstufe der Integration also dienlich oder eher hinderlich?

Für die Religionswissenschaftlerin Katharina Frank gilt es, zuerst die eigentlichen Beweggründe für eine jüdische Oberstufe zu erfassen: Wird eine jüdische Schule aus Angst, das Judentum könnte sich auflösen, gegründet, so wäre die Schule in diesem Falle beispielsweise ein Ort, an welchem Partnerschaften geschlossen werden können, wie Frank vermutet. Frank betont weiter, dass der Bildungsstand bei den Juden in der Schweiz hoch sei und dass grosser Wert auf Bildung gelegt werde. Ein zweiter Grund könnte somit der Wunsch nach einer guten Schule sein. Ein dritter Grund, so sagt die Religionswissenschaftlerin, könnte der Antisemitismus an öffentlichen Schulen sein. Eine jüdische Schule würde einen Schulbetrieb in einem geschützten Rahmen bieten. Hier müsste sich aber der Staat, so Frank, grundsätzlich überlegen, wie er auf Antisemitismus an der öffentlichen Schule reagieren soll.

Kulturelle Prozesse

Um das Problem der Integration angehen zu können, beruft sich Frank auf die Theorie. Sie erzählt von John W. Berry, der ein transkulturelles psychologisches Modell über Phänomene entwickelt hat, die auftreten können, wenn zwei Kulturen aufeinandertreffen. Dazu gehört die Integration, unter der die Verbindung der eigenen Herkunftskultur mit der Kultur der Aufnahmegesellschaft verstanden wird. Die Assimilation dagegen bezeichnet die vollständige Aufgabe der eigenen Kultur. Die Marginalisierung trifft, so Frank, speziell Kinder von Migranten und bezeichnet den Zustand, wo Integration nicht möglich ist. Damit ist die Orientierungslosigkeit zwischen zwei Kulturen, also die Situation «zwischen Stuhl und Bank» gemeint. Damit ist oft auch ein Semilingualismus verbunden, also Probleme sowohl in der eigenen als auch in der fremden Sprache. Bei dem vierten Phänomen, der Separation, wird nur die eigene Kultur gelebt, und es bildet sich eine Gesellschaft in der Gesellschaft, was oft auch mit dem Begriff Parallelgesellschaft bezeichnet wird.

Es stellt sich für Frank die Frage, ob eine jüdische Schule zur Integration oder mehr zur Separation beiträgt. Den Auswirkungen moderner Gesellschaften, wie religiöser Pluralismus und Säkularisierungsprozesse, sei jede Religion ausgesetzt, sagt sie. In modernen Gesellschaften sei Religion nur noch ein Teilsystem wie etwa die Wirtschaft, die Politik, die Kunst oder das Recht; sie bestimme nicht mehr alle Lebensbereiche. Wichtig wäre nun vorab zu untersuchen, wie sich das Judentum unter diesen neuen Bedingungen entwickle. Daraus könnte resultieren, dass sich das Judentum aufzulösen drohe und folglich eine jüdische Schule dieser Entwicklung entgegenwirken könnte, so Frank. Grundsätzlich habe die Schule aber die Aufgabe, alle Kinder einer Gesellschaft zusammenzubringen und auf diese religiös und weltanschaulich pluralistische Gesellschaft vorzubereiten – ein Grundsatz, der in einer konfessionellen Schule fehlen könnte. Frank folgert, dass daher konfessionelle respektive jüdische Schulen aus staatlicher Sicht nicht unbedingt wünschenswert seien.

Jüdisches Denken

Für Rabbiner Michael Goldberger, Rektor der jüdischen Primarschule Noam in Zürich, gibt es viele Gründe für jüdische Schulen. Vordergründig ist für ihn die spezielle Art jüdischen Denkens und Handelns entscheidend und nicht nur das Vermitteln jüdischen Wissens, jüdischer Werte oder von Identität. «Dass in der kleinen jüdischen Gemeinschaft Mittelschulen fehlen, ist ein Drama, denn wir verlieren die Kinder, wenn sie in einem wichtigen Alter sind», so Goldberger. Jugendliche würden viele philosophische Fragen stellen und ihre Sicht der Welt entwickeln, so Goldberger weiter. «Wir dürfen die Augen davor nicht verschliessen», sagt er: «Zwar birgt eine jüdische Oberstufe Gefahren, doch ist es nicht entscheidend, ob diese Gefahren objektiv oder subjektiv auch wirklich bestehen.» Es gehe, so Goldberger, daher auch nicht allgemein darum, für oder gegen eine jüdische Oberstufe zu sein. «Entscheidend ist, dass wir, gerade in einer kleinen Gemeinschaft, ernsthaft über die Jugend nachdenken. Die Angst vor Isolation muss ernst genommen werden, daher sollten wir auch über neue Modelle nachdenken, wie beispielsweise Kooperationsmodelle oder den Mut, eine jüdische Schule für nicht jüdische Schüler zu öffnen», so Goldberger weiter.

Eine Schule könne sich auch mit anderen jüdischen Einrichtungen wie Altersheimen und Jugendbünden verbinden, um jüdisches Denken zu fördern. Nach Goldberger bezeichnet jüdisches Denken ein spezielles Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler. Dabei soll hinterfragendes Denken gefordert und gefördert werden, weil es in ein soziales und politisches Engagement münden würde. «Judentum bedeutet nicht nur Traditionen bewahren; Judentum ist kein Museumsbau», betont Goldberger. Das Judentum habe vielmehr der Welt etwas mitzuteilen, sei dies im Bereich des Umweltschutzes, im Umgang mit sozial Schwachen, mit alten und jungen Menschen. Deshalb müsse eine jüdische Schule offen sein und sich nach aussen mitteilen. Als konkretes Beispiel nennt Goldberger die jüdische Primarschule Noam, die eine der ersten zweisprachigen Schulen in der Schweiz sei und somit einst Pionierarbeit leistete.

Berlins jüdische Oberstufe

Im Ausland bestehen bereits jüdische Oberstufen. Die Jüdische Oberschule Berlin ist ein gutes Beispiel für eine offene, konfessionsgebundene Bildungsstätte. In dieser Schule, deren Entstehungsgeschichte bis zum jüdischen Aufklärer Moses Mendelssohn zurückreicht, wird auch nicht jüdischen Kindern, nebst weltlichem Unterrichtsstoff, das Judentum vermittelt. Dabei geht es nicht um die Vermittlung von Religiosität, sondern um die Weitergabe von Wissen, mit dem der Einzelne beispielsweise die biblischen Texte kritisch hinterfragen kann. Nebst dem Studium der Religion widmet sich der jüdische Unterricht der jüdischen Ethik, den moralischen und sozialen Werten des Judentums. Für Schüler aus Russland und Israel wird zusätzlicher Deutschunterricht angeboten, was zeigt, wie direkt die Schule um den Integrationsprozess bemüht ist. Die Frage, wie multikulturellen Bedürfnissen Rechnung getragen wird und werden soll, sollten sich öffentliche und private Schulen bezüglich ihres Angebotes gleichermassen stellen.

Für Katharina Frank tragen die öffentlichen Schulen in der Schweiz heute der religiösen Pluralität Rechnung, indem sie anstelle des herkömmlichen konfessionellen oder konfessionell kooperativen christlichen Religionsunterrichts einen für alle Schülerinnen und Schüler konzipierten religionskundlichen Unterricht einrichten (im Kanton Zürich ist das zum Beispiel «Religion und Kultur»). Ein anderes Modell, so Frank weiter, sei die Einrichtung eines bekenntnisgebundenen Unterrichts auch für nicht christliche Religionen – beispielsweise für die jüdische. Im Kanton Luzern existiert für muslimische Kinder seit einigen Jahren ein solcher Religionsunterricht an der öffentlichen Schule. Denkbar wäre zudem, dass beide Formen von Religionsunterricht – der religionskundliche und der religiöse Unterricht verschiedener Religionsgemeinschaften – an einer öffentlichen Schule institutionalisiert würden. Die Frage ist daher, was eine jüdische Schule, die Wissen vermittelt und nicht jüdisch erzieht, zusätzlich beitragen würde?

Goldberger sieht im Lehrplan des neuen Fachs «Religion und Kultur» für die Primarschule in Zürich einen verkappten christlichen Religionsunterricht. Für ein obligatorisches Schulfach über Religion und Kultur sei die Wertschätzung anderer Religionen sehr wichtig, so Goldberger. Natürlich sei es in der Schweiz legitim, dass auch die nicht christlichen Kinder etwas über das Christentum lernen, wie Goldberger weiter ausführt. Aber das Ziel sollte sein, dass jedes Kind auch über andere Kulturen Bescheid wisse. Dies wäre für Goldberger auch ein wichtiges Thema für jüdische Schulen, denn auch diese seien ja Teil des Bildungssystems.

Herausforderung

Integration bedeutet nicht Assimilation. Das Judentum in der Schweiz ist gut integriert: öffentlich-rechtlich anerkannte Gemeinden existieren. Und trotz fehlender jüdischer Oberstufen haben sich die Juden nicht assimiliert. Das Problem der Integration stellt sich heute vielmehr bei Religionsgemeinschaften, deren Mitglieder einen Migrationshintergrund aufweisen. Die Integration liegt hier im Vermitteln zwischen den kulturellen Werten. Um ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen, muss nicht nur eine öffentliche Schule dieser Pluralität gerecht werden, sondern auch eine allfällige jüdische Oberschule.

Die Assimilations- und Säkularisierungsprozesse, die gerne miteinander verwechselt werden, mögen die jüdischen Gemeinden vor grosse Herausforderungen stellen. Die Herausforderung ist es, ein breites jüdisches Angebot zu schaffen, welches auch der innerjüdischen Vielfalt Rechnung trägt und so zur Integration innerhalb des Judentums beiträgt. Eine offene jüdische Oberschule wäre denkbar, doch liegt der Ort der religiösen Erziehung und Identitätsfindung primär in der Familie.

Joël Hoffmann





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