Ein Mörder im Namen Gottes
Wir haben einen Nachbarn, der ein Mörder ist. Keiner der kriminellen Art, Gott sei Dank. Auch kein Psychopath. Nein, unser Nachbar ist ein religiöser Mörder. Ein Mörder im Namen Gottes und für Gott. Ein Mörder, der uns auslöschen und sich unserer entledigen will, damit wir seine geheiligte Scholle nicht mit unserer Gegenwart verschmutzen. Ein Mörder, der glaubt, dass die Welt besser und reiner sein wird, wenn wir nicht mehr da sind. Ein ernsthafter Mörder, ein Mörder mit Werten, ein Mörder mit einer Mission.
Unser Mörder-Nachbar ist nicht herzlos und nicht ohne Gefühle. So würde es ihm nicht einfallen, unsere Frauen und Kinder zu morden, oder uns alle ins Meer zu werfen. Dank seiner menschlichen Tugenden und Moralvorstellungen wünscht er keinem von uns einen unnatürlichen Tod.
Stattdessen will der Nachbar unsere nationale Existenz auslöschen. Sein erklärtes Ziel ist also Politizid und nicht Genozid. Auf seinem Bett fantasiert unser Nachbar des Nachts vom Tod des Staates Israel. Mit seinen Aktionen versucht er tagsüber, den Tod des Staates Israel zu beschleunigen. Im Namen Gottes will der Nachbar den Staat Israel ermorden.
Der Nachbar ist ein Mörder, aber er leidet nicht unter Wahnvorstellungen. Er hat allen Grund, uns zu hassen. Vor genau 60 Jahren haben wir seine Mütter und Väter von ihrem Land vertrieben. Wir haben ihre Dörfer geleert und ihre Heime zerstört. Wir haben die Palästinenser von der Erdoberfläche weggefegt. Und in der grossen Hitze von Mai bis Juni 1948 schickten wir sie in langen Kolonnen südwärts. Wir schickten sie bis nach Gaza hinab, wie die Hagar in der Bibel. In ihren Herzen liessen wir diesen tiefen Schmerz zurück, der zu einem tiefen Hass wurde, der in die Forderung nach absoluter Gerechtigkeit mündete. Eine absolute Gerechtigkeit, die keinen Raum für Leben lässt. Sicher nicht für unser Leben.
Deshalb bekunden wir solche Probleme mit unserem Nachbarn. Schuld und Terror sind tief verwurzelt. Die kulturelle Kluft ist unerträglich, und obwohl wir nahe beieinander leben, sind wir weit voneinander entfernt. Echte Gegensätze. Der Hamas-Nachbar ist besitzlos, während wir Eigentum haben. Der Nachbar ist hungrig, wir sind wohlgenährt. Der Nachbar ist ein Eiferer, wir sind gottlos. Der Nachbar fordert Gerechtigkeit bis zum Tod, während wir Ausschau halten nach einem Deal, der uns am Leben erhalten wird.
Er ist kein Trottel, dieser Nachbar. Im Jahre 2006 überraschte er uns mit seinem Triumph über Mahmoud Abbas. 2007 überraschte er uns, als Mohammed Dahlan, die Gallionsfigur der Fatah, vertrieb und den Gazastreifen übernahm. 2008 überraschte er uns, als er gegen die hohlen Prahlereien der israelischen Regierung ein Gleichgewicht der Abschreckung schuf. Es stimmt, der Nachbar ist immer noch relativ schwach. Weder heute noch morgen wird er einfach aufstehen und uns töten können. Mit jedem Jahr aber nimmt seine Stärke zu. Mit jedem Jahr macht er Fortschritte und erschüttert allmählich die Siedlungen, die wir auf den Ruinen jener Dörfer gebaut hatten.
Wir hingegen ignorieren ihn. Wir benehmen uns wie jener reiche Mann, der ein angenehmes Leben auf seiner Farm führt, ohne zu merken, dass ein zorniger Nachbar ihn die ganze Zeit über beobachtet. Für eine bourgeoise Gesellschaft, wie wir sie darstellen, ist der angenehmste Weg, einen unbequemen mordenden Nachbarn zu beherrschen, doch die, ihn einfach zu ignorieren. Ihn nicht zu sehen, nicht zu hören und keine Gespräche mit ihm zu führen. Zu behaupten, er sei nicht dort, am Rande des Gartens, sondern knapp ausserhalb. Und dabei ehrlich zu glauben, dass Frieden und Sicherheit eines Tages in dieser Gegend erzielt werden können, ohne deswegen die Probleme der Nachbarn zu lösen. Ohne überhaupt zu sehen, dass er hier ist. Seit jeher. Und weggehen will er auch nicht.
Mit einem «Killer-Nachbarn» kann man nur auf zwei Arten verfahren: Man kann ihn schlagen oder entwaffnen. Vielleicht werden wir eines Tages keine Wahl mehr haben. Trotz der schrecklichen damit verbundenen Kosten wird Israel eines Tages vielleicht den dicht bevölkerten Wohnwagen des Nachbarn betreten und ihn bewusstlos schlagen müssen. Bevor wir uns aber in den Gazastreifen zerren lassen, müssen wir die andere Möglichkeit erschöpfen. Wir sollten der Hamas einen Deal offerieren: eine islamische Republik in Gaza im Austausch gegen eine volle Entmilitarisierung. Ein voll ausgefülltes Leben als Gesellschaft muslimischer Brüder im Austausch gegen einen totalen Verzicht auf Gewalt und Waffen.
Die Hamas wird wahrscheinlich Nein sagen. Der Nachbar scheint den Tod von Israeli dem Leben von Palästinensern vorzuziehen. Sollten offene Verhandlungen mit der Hamas aber überhaupt eine Chance haben, müssten sie diesen Verlauf nehmen. Nicht eine Carter’sche Illusion, keine vorübergehende Taktik eine provisorischen Waffenruhe, sondern ein harter Deal mit harten Konditionen. Ein Deal mit Schlägertypen. Ein Deal der Strasse. Ein Deal, dessen Ziel es sein muss, den auf der andern Seite des Zauns lebenden Menschen eine echte Gelegenheit einzuräumen, das Schwert niederzulegen, den Koran aufzunehmen und zu einem echten Nachbarn zu werden.


