Odysse nach London
erste Kindertransport Berlin in Richtung London. Die Bronzeskulptur erinnert
an die vielen jüdischen Kinder, die vorübergehend in England ein neues
zu Hause fanden
Von Ines Stickler
Es war am 12. Dezember 1933, als die beiden Dampfer Hermia und Jessica, randvoll beladen mit Bücherkisten, Regalen, Schreibtischen, Zettelkästen und Buchbindemaschinen, den Hamburger Hafen verliessen und die Bibliothek von Aby Warburg nach London brachten. Längst war die umfangreiche private Sammlung den Nationalsozialisten als jüdische Institution ein Dorn im Auge gewesen. Dem Kunsthistoriker Edgar Wind gelang es, mit Hilfe des US-amerikanischen Familienzweigs der Warburgs und durch grosszügige private Spenden den Umzug in die britische Hauptstadt zu realisieren. Abraham Moritz Warburg, genannt Aby, konnte diesen Augenblick nicht mehr erleben, da er bereits vier Jahren zuvor verstorben war.
Die Geschichte einer Bibliothek
Aby Warburg, geboren 1866 in Hamburg und Spross einer Bankiers-Familie, war ein Rebell, trotzig und aufbrausend. Nie und nimmer wollte er Rabbiner werden, wie es seine Familie wünschte, auch nicht Arzt oder Jurist, und schon gar keinen Wert legte er auf sein Erstgeborenenrecht, die Bank weiterzuführen. Aby liebte Bücher, er war ein leidenschaftlicher Leser, und er setzte sein Studium der Kunstgeschichte, der Archäologie und der Geschichte durch. Er studierte unter anderem in Bonn, München, Strassburg und Florenz und reiste durch die Welt. Als Hamburger im Herzen, Jude von Geburt, im Geiste Florentiner bezeichnete er sich selbst: «Amburghese di cuore, ebreo di sangue, d'anima Fiorentino». Schon in jungen Jahren hatte Warburg damit begonnen, Bücher zu sammeln. Für seine Dissertation über zwei Botticelli-Gemälde hatte er sich mühselig in vielen Bibliotheken seine Literatur zusammensuchen müssen. So entstand in ihm der Wunsch, sich eine Bibliothek anzulegen, die so umfangreich und so vielfältig wie möglich verschiedene Disziplinen behandelt. Das Wort «warburgian» ist gar in den englischen Sprachgebrauch eingeflossen, gemeint ist damit Abys Methode, sehr weit und umfangreich zu forschen.
Nahe der Londoner Universität am Euston Square liegt heute das grosse Gebäude, in dem seit 1958 das Warburg-Institut beheimatet ist. Nach der Vertreibung aus Deutschland konnten die Bücher Warburgs zunächst für drei Jahre im Thames House in Millbank im Südwesten der Stadt untergebracht werden; Fritz Saxl, bereits in Hamburg Direktor der Bibliothek, setzte seine Arbeit hier fort. Anschliessend bot die Londoner Universität ein Domizil in dem Gebäude des Imperial Institute in South Kensington an; und mit der endgültigen Angliederung des Instituts an die Universität stand schliesslich 1958 der vierte und vorerst letzte Umzug an.
Für interdisziplinäre Forschung
Das Warburg-Institut, zu dem die einstige Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg in London wurde, nimmt einen besonderen Stellenwert in der Forschung ein. Es ist dem interdisziplinären Studium gewidmet, das den Einfluss der Antike auf die europäische Kultur, vor allem die Kunst, die Literatur, die Religion sowie die Sozialgeschichte erforscht. Von den 60000 Warburg-Titeln ist der Bestand mittlerweile auf schätzungsweise 350000 Bücher angewachsen; das Institut wird häufig mit Erbschaften und Spenden bedacht. Wer sich in einem der Leseräume in Werke vertiefen möchte, muss Mitglied sein, den akademischen Grad Magister Artium beziehungsweise Magistra Artium tragen, Studierende benötigen Referenzen eines Professors. «Wir haben etwa 3000 Leser im Jahr», sagt François Quiviger, seit 1987 als wissenschaftlicher Bibliothekar am Institut tätig, «das ist ein ganz enger Zirkel von Wissenschaftlern». Zum Vergleich: Die British Library verfügt über 19 Millionen Bücher und um die 500000 Leser pro Jahr.
Bis zum 15. Jahrhundert datieren die ältesten Bücher zurück, die dank des sorgfältigen Umgangs der Leser und der hervorragenden Arbeit der Konservatoren des Instituts in tadellosem Zustand sind. Die ganz alten Bücher tragen auf der ersten Seite noch das Siegel «Ex Libris Aby Warburgs». François Quiviger läuft im dritten Stock des Hauses am Woburn Square an den Regalen mit den Büchern zum Thema Philosophie entlang: Sokrates, von Aquin, Descartes, Kant, Heidegger, Habermas, ein Werk greift ins andere über. «So bekommt man ziemlich schnell ein Gefühl dafür, wie sich Philosophie entwickelt hat», sagt er. Und das gelte für jede Disziplin. Die Sammlung ist in folgende Hauptbereiche gegliedert: Gesellschafts- und Politikgeschichte, Religion, Philosophie, Geschichte der Naturwissenschaften und der Magie, Literatur und Humanismus-Studien, Kunstgeschichte. Das einzigartige Signatursystem, nach dem Warburg seine Bücher gegliedert hat, und das heute noch exakt so in London praktiziert wird, ist einfach wie genial. Es folgt Warburgs Ansinnen, mit der Auswahl und Anordnung seiner Literatur gewissermassen ein humanistisches Labor für die gemeinsame Lösung akademischer Probleme zu schaffen. So wollte er, wie er es ausdrückte, «das Nachleben der Antike» erforschen.
Deutsche Kulturgeschichte in London
Warburg, der Kunsthistoriker, Kulturwissenschaftler und Begründer der modernen Ikonologie, legte Wert darauf, dass wirklich alle relevanten Materialien für ein wissenschaftliches Thema lückenlos berücksichtigt, sorgfältig aufgearbeitet und zueinander in Beziehung gesetzt werden. Für Bibliothekare sei die Anordnung der Bücher ungewöhnlich, räumt Quiviger ein. «Für einen Forscher ist es aber fantastisch. Die Welt funktioniert eben nicht alphabetisch.» Als «Gesetz des guten Nachbarn» bezeichnete Warburg die Anordnung gern, er setzte darauf, dass der Forscher auf diese Weise Bücher zu seinem Thema entdecke, auf die er vielleicht anders gar nicht oder nur nach aufwändiger Recherche gestossen wäre. Im Archiv des Warburg-Instituts werden auch die Arbeitspapiere und die umfassende Korrespondenz Warburgs aufbewahrt, ebenso Schriften von Fritz Saxl, Gertrud Bing, Frances Yates und anderen Wissenschaftlern, die mit dem einst privaten Schatz betraut waren. Ebenso gibt es in dem Haus eine Fotosammlung.
Mit der Warburg-Bibliothek ist ein grosses Stück deutscher Kulturgeschichte in London beheimatet. Selten genug das Beispiel, dass eine komplette Institution vor den Nationalsozialisten in Sicherheit gebracht werden konnte. Schnell wurde das Warburg-Institut deshalb auch Anlauf- und Kontaktstelle für Akademiker, Intellektuelle, Menschen, die gezwungen waren, Deutschland und Österreich aus politischen Gründen zu verlassen. An die 70000 Deutsche und Österreicher fanden in London Zuflucht, und das, obwohl die Einwanderungspolitik Grossbritanniens überaus restriktiv war. 10 000 jüdische Kinder aus beiden Ländern wurden in London in Sicherheit gebracht; an die Kindertransporte erinnert eine bronzene Skulptur am Eingang zum Bahnhof Liverpool Street. Zu den Künstlern, die vor dem NS-Regime fliehen mussten, zählte der Maler Oskar Kokoschka, auch die Schauspielerin Lili Palmer emigrierte von Deutschland über Frankreich schliesslich nach Grossbritannien, wo sie grosse Erfolge feierte. Weniger berufliches Glück fanden etwa Alfred Kerr, Walter Gropius oder Kurt Weill in der Stadt.
Ein reger intellektueller Austausch
Am Institut gingen damals unzählige Briefe ein von Wissenschaftlern und Forschern mit Bitten um Unterstützung, um Einladungen zu Vorlesungen, um Lehr- und Forschungsaufträge, Dozenturen, Unterstützung beim Studium oder Abgabe von Referenzen ein. Theodor Wiesengrund-Adorno, Richard Salomon, Aenne Liebreich, Arthur Beer, Lion Feuchtwanger und viele andere gehörten zu den Hilfesuchenden. Allen voran nahm sich die stellvertretende Direktorin Gertrud Bing der vielen Gesuche an. Sie vermittelte Kontakte zu Einrichtungen wie der Notgemeinschaft Deutscher Wissenschaftler im Ausland, der Gemeinschaft von Juden und Christen oder dem Jüdischen Flüchtlingskomitee. Wer Hilfe bekam, versuchte wiederum anderen zu helfen, spendete etwa für die sogenannte Selbsthilfe deutscher Ausgewanderter. Dem Warburg-Institut und den Wissenschaftlern in seinem Umkreis gelang es gerade in diesen schwierigen Anfangsjahren, in London Wurzeln zu schlagen. Der rege intellektuelle Austausch sorgte dafür. Zugleich hat die Warburg’sche Herangehensweise das akademische Leben in Grossbritannien bereichert und weiterentwickelt.


