Güte und Humor
Gross war der Andrang an der Gedenkveranstaltung: Eine Delegation der Jüdischen Liberalen Gemeinde Or Chadasch mit ihrem emeritierten Rabbiner Tovia Ben Chorin war anwesend, wie auch der eben zurückgetretene Präsident der Gesellschaft Minderheiten, Werner Kramer, und SP-Kantonsrat Hartmuth Attenhofer, Präsident der Zürcher Sektion der Gesellschaft Schweiz-Israel.
Mit einem Satz über die Belohnung aller, die sich in ehrlicher Weise mit den Angelegenheiten der Gemeinde beschäftigen, aus dem Gebet des Schabbat-Morgens begrüsste André Bollag, Co-Präsident der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ), namens seiner Präsidiumskollegin und des Vorstands die Anwesenden. Bollag zitierte aus der Ansprache des damaligen Synagogenpräsidenten Jacques Berlowitz anlässlich der 100-Jahr-Feier in der Synagoge, in der er seine Dankbarkeit ausgedrückt hatte. Dankbar erinnere er sich an seinen Vorgänger, sagte Bollag und bedauerte, dass der Verstorbene die Entwicklungen in der ICZ nicht mehr miterleben könne.
Man solle nicht fragen, wie jemand gestorben sei, sondern wie jemand gelebt habe, nicht, wie viel er verdient, sondern wie viel er gegeben habe, zitierte Rabbiner Marcel Ebel und betonte in seiner Ansprache, dass Jacques Berlowitz einen wichtigen Teil seiner Arbeit in der ICZ für die Synagoge geleistet und gesagt habe, in einer solchen Funktion sei man wie der Schamasch, die Dienerkerze, am Chanukkaleuchter, der dafür zu sorgen habe, dass die anderen leuchten. Darum sei es nur passend, dass Jacques Berlowitz mit seiner Familie die grosse Chanukkia für die renovierte Synagoge gespendet habe.
Freundschaften seien Ecksteine und ein wichtiger Teil des Lebens, sagte Ernst Braunschweig als einer der engsten Freunde des Verstorbenen. Gute Freunde zu verlieren gehöre zu den einschneidendsten Veränderungen, die einem widerfahren können. Ausser seinem sichtbaren Engagement für die jüdische Öffentlichkeit habe Jacques Berlowitz im Verborgenen auch für Schwache und Bedürftige gesorgt. Trotz seiner wichtigen Aufgaben sei er bescheiden geblieben, mit enormem jüdischem Wissen, das er kritisch und selbstkritisch gelebt habe, mit einer klaren Meinung, Würde, Grosszügigkeit und einer begeisternden Begabung für das Erzählen von Witzen und Geschichten. Beeindruckend seien seine Selbstkritik und Selbstironie gewesen.
Erika Gideon verabschiedete sich mit warmen Worten der Anerkennung im Namen der Jerusalem Foundation vom langjährigen Quästor und Freund Jerusalems. Werner Rom erzählte, dass er Jacques Berlowitz kennenlernte, als er mit dessen Ehefrau Chana zugunsten der Juden in der Sowjetunion tätig war. Später wurde er erst einer von Jacques Berlowitz’ Vizepräsidenten und dann sein Nachfolger im Präsidium der ICZ. Rom erinnerte daran, dass die Begabung seines Vorgängers, Brücken zu bauen, bereits im Elternhaus angelegt war, in dem sich das Surbtaler Judentum mit der Jiddischkeit des osteuropäischen Stetls gemischt habe. Berlowitz habe bei allen Menschen mit Sachverstand, Respekt, Wohlwollen und Humor das Beste erreicht und auch ausweglos scheinende Situationen gemeistert, wenn nötig auch mit einer witzigen Bemerkung. Es sei für ihn nicht einfach gewesen, die von der Gemeinde beschlossene Sparversion der Synagogenrenovation zu führen, doch es habe ihn mit Stolz erfüllt, sein gelungenes Werk als Krönung seiner ICZ-Präsidentschaft zu eröffnen. Mit Berlowitz, sagte Werner Rom, sei wohl der letzte echte «Parness» einer jüdischen Gemeinde dahingegangen.
Höhepunkt der Haskara war die Ansprache von Jacques Berlowitz’ Tochter Shelley Berlowitz, die im Namen ihrer Mutter und ihrer drei Geschwister ein Bild ihres Vaters entwarf, das die Trauergemeinde zu Tränen rührte, aber auch oft zu erinnerndem Lächeln brachte. Sie zeichnete das Bild eines Mannes, dessen Güte und Humor viel grösser waren als sein Ego, der sich nie in den Mittelpunkt spielte, obwohl er dazu alle Berechtigung gehabt hätte. Ihre Eltern, sagte die Tochter, hätten sich vor genau 60 Jahren an Pessach 1948 in Los Angeles kennengelernt, und ihre Mutter habe sich glücklicherweise «auf das Werben dieses charmanten, liebenswürdigen, gescheiten und gutaussehenden Europäers eingelassen». Sie hätten dann «57 Jahre lang eine hingebungsvolle, liebende, angeregte und tolerante Partnerschaft gelebt». Sein Witz und seine Ironie hätten die Atmosphäre in der Familie geprägt, und Humor habe er gebraucht, nicht nur in der Familie. Die vier Sprösslinge habe er als seine Kinder geliebt, sie aber auch als Menschen respektiert. Er habe die schriftliche Anweisung hinterlassen, dass die weiblichen Mitglieder seiner Familie, sofern sie dies wollten, sich wie die männlichen Mitglieder während der Beerdigung an seinem Grab einfinden sollten: «Diese liebende und vorausschauende Fürsorge und das Bekenntnis, dass wir für ihn alle gleich sind, ist für mich die Quintessenz meines Vaters.»
Das Wichtigste, das sie von ihrem Vater gelernt habe, sagte Shelley Berlowitz, sei, dass es immer mehr als nur eine Wahrheit gebe und dass die Dinge nicht so einfach seien, wie sie scheinen. Das habe ihn nie davon abgehalten, sich seinen Aufgaben mit Hingabe zu widmen, aber davon, sich selbst zu ernst zu nehmen. Die Familie und die engsten Freunde, sagte Shelley Berlowitz, spürten heute noch «seine warme Präsenz, haben seine ironischen Bemerkungen im Ohr, sehen seinen liebenden und in der letzten Zeit zunehmend nachdenklichen Blick». Und sie selber, sagte sie, nachdem sie ihren Vater so treffend charakterisiert hatte, dass die meisten Leute in der Synagoge bestätigend nickten, höre jetzt ihren Vater sagen: «Genug schon! Man kann auch übertreiben.»
Gisela Blau


