Die letzte Matza von Rabbiner Carlebach
Die Matza, das ungesäuerte Brot, gilt wohl als das Hauptsymbol des Pessachfestes. Interessanterweise scheint jedoch bezüglich der Bedeutung der Matza ein grundlegender Widerspruch zu bestehen. Einerseits wird sie zu Beginn der Pessach-Haggada «Brot der Armut» («lachma anja») genannt, andererseits jedoch wird der Matza gegen Ende des Erzählteils der Haggada («maggid») die bekannte Erklärung gegeben, dass das Volk Israel beim Auszug aus Ägypten vor lauter Eile keine Zeit mehr hatte, den Teig säuern zu lassen und ihn so zu ungesäuerten Broten buk. Nach letzterer Auslegung ist also die Matza nichts anderes als das «Brot der Freiheit», eine ewige Erinnerung an unseren Auszug aus der Knechtschaft. Wie lässt sich dieser markante Widerspruch erläutern? Ist die Matza nun ein Brot der Armut oder ein Brot der Freiheit?
Der Auschwitz-Überlebende Primo Levi beschreibt in seinem autobiografischen Bericht «Ist das ein Mensch?» die schwierigen Tage im Lager, welche für die Häftlinge aufgrund der Flucht der Nazis vor den Russen im Januar 1945 folgten. Alle Häftlinge, die physisch gehen konnten, wurden auf den Todesmarsch gezwungen. Die im Lager Zurückgelassenen waren allesamt krank, darunter auch der an Scharlach erkrankte Levi. Während zehn Tagen – bis zur Befreiung durch die Russen – waren die Zurückgebliebenen vollkommen auf sich selber gestellt, mit einer Handvoll Essbrocken und kargem Heizmaterial. Levi beschreibt, wie er versuchte, einen alten Ofen in die Baracke zu bringen und diesen in Betrieb zu setzen: «Als das zerbrochene Fenster instand gesetzt war und der Ofen schon Wärme hergab, schien es, als löste sich etwas in jedem von uns; und da geschah es, dass Towarowski (23 Jahre alt, typhuskrank) den andern Kranken vorschlug, sie sollten uns dreien, die wir arbeiteten, jedem eine Scheibe Brot abgeben; und es wurde akzeptiert. Nur einen einzigen Tag vorher wäre ein solches Ereignis undenkbar gewesen. Das Gesetz des Lagers sagte: ‹Iss dein Brot, und wenn du kannst, auch das deines Nächsten›, und es liess keinen Platz für Dankbarkeit. Dies hier bedeutete nun wirklich, dass das Lager gestorben war. Es war die erste menschliche Geste, die unter uns geschah. Ich glaube, dass man auf diesen Augenblick den Beginn jenes Vorgangs festsetzen könnte, der uns, die wir nicht starben, von Häftlingen nach und nach in Menschen verwandelte.»
Teilen als Signal der Freiheit
Der Oberrabbiner Grossbritanniens, Jonathan Sacks, sieht in dieser Schilderung Levis den Schlüssel zum Verständnis unseres anfangs erwähnten Widerspruchs bezüglich der Botschaft der Matza: «Was das Brot der Armut zum Brot der Freiheit macht, ist nichts anderes als die Bereitschaft, das Brot mit anderen zu teilen. Das Essen zu teilen ist die erste Handlung, die den Sklaven zum Menschen macht. Jemand, der das Morgen fürchtet, offeriert sein Brot nicht jemand anderem. Aber jemand, der bereit ist, sein Essen mit fremden Menschen zu teilen, zeigt bereits, dass er zu Freundschaft und Glaube imstande ist, die beiden Elemente, die Hoffnung ausmachen».
Nun leuchtet auch ein, weshalb der Seder mit einer Einladung beginnt («ha lachma anja»): «Dies ist das Brot der Armut, das unsere Väter in Ägypten gegessen. Jeder, der hungrig ist, komme und esse, jeder, der in Nöten, komme und begehe Pessach mit uns …» Dies ist die Hauptbotschaft des Seder, der Wendepunkt! Sobald wir unser «Brot der Armut» mit Mitmenschen teilen, ist es kein Brot der Armut mehr, sondern es mutiert durch das Teilhaben anderer augenblicklich zum Brot der Freiheit. Diese Einladung zu Beginn des Seders ist also nicht eine formelle Floskel, vielmehr ist sie eine absolute Bedingung, um unsere Matzot von Broten der Armut zu Broten der Freiheit werden zu lassen. Der Sedertisch ist unvollständig, wenn draussen ein Mitmensch aus finanzieller Not oder Einsamkeit den Sederabend nicht zu begehen imstande ist. Das gemeinsame Diskutieren unserer Freiheit ist belanglos, wenn wir Bedürftige unseres Volkes an der Wiederdurchlebung unserer Geschichte, die auch ihre Geschichte ist, nicht teilhaben lassen. Die Sorge um den Nächsten ist eine unmissverständliche Bedingung, um diesen sozial-psychologischen Prozess von der Knechtschaft in die Freiheit zusammen mit der Matza durchschreiten zu können. Insofern ist es nur passend, dass die Matza zu Beginn des Seder noch als Brot der Armut bezeichnet, am Ende der Haggada aber mit der Freiheit identifiziert wird. Der ganze Sederabend sollte nämlich nichts anderes sein als eine Wegbeschreitung von «mir» zu «dir». Wenn das Individuum beim Ende des Seders in seiner ursprünglichen egozentrischen Apathie verbleibt, so hat es die Botschaft des Seders verfehlt.
Alle vereint an einem Tisch
Der an uns alle gerichtete und in der Matza verkörperte Appell des sich Annäherns hat jedoch nicht nur einen physisch-sozialen, sondern auch einen intellektuellen Charakter. Ein weiterer bekannter Abschnitt der Pessach-Haggada spricht von vier Söhnen, dem Klugen, dem Bösewicht, dem Einfachen, und dem, der keine Fragen zu stellen weiss. Ohne auf die verschiedenen Weltanschauungen und Argumente der einzelnen Söhne einzugehen, widerspiegelt sich hier doch ein grundlegendes Bild der Einheit: Alle vier Söhne sollen am Sedertisch anwesend sein! Alle Juden sollen trotz widersprüchlicher Anschauungen vereint am Tisch sitzen und die gemeinsame Vergangenheit, das gemeinsame historische und kulturelle Erbe sowie dessen Bedeutung und Relevanz für unsere Generation miteinander diskutieren. Nur diese pluralistische Offenheit und Einheit, diese Bereitschaft, jedem am Sedertisch «Angesicht zu Angesicht» gegenüberzusitzen, kann der Forderung, die die Matza an uns stellt, gerecht werden. Es geht also nicht nur um ein physisches Wohlwollen gegenüber dem Nächsten, sondern auch um einen ehrlichen und seriösen intellektuellen Austausch und einen innerjüdischen Dialog, der am Sederabend stattfinden soll. Man vergesse nicht, dass das biblische Gebot, am ersten Abend des Pessachfestes über den Auszug aus Ägypten zu diskutieren, einen einzigartigen Aufruf intellektueller und erzieherischer Natur darstellt, dem man im Geiste der Symbolik der Matza nachkommen soll.
In eindrücklichen Worten richtete sich Rabbiner Joseph Carlebach (1882–1942), der letzte Oberrabbiner Hamburg-Altonas, im Jahre 1937 an die jüdische Gemeinschaft: «Pessach ist das Fest der unverlierbaren Menschenwürde (…) Alle pharaonische Bedrückung und Knechtung vermochte den Glauben in Israel nicht zu zerstören, dass unsere Seele unser bleibt und zur Gottesebenbildlichkeit berufen ist. Sklavenketten können uns drücken, aber nicht erniedrigen und uns von unserer Menschenwürde nichts nehmen. (…) Seid eine Gemeinschaft der Treue! – so klingt es uns aus den düsteren Blättern der Vorzeit in Mizrajim entgegen. Habt den Mut der Treue gegen Volk, Eigenpersönlichkeit und den Mitbruder. Dann wandelt sich die Mazzo, das ungesäuerte, ungewürzte Brot des Elends, in das beglückende Brot der Freiheit» («Zum Pessachfeste», Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, 19. März 1937).
Rabbiner Carlebach legt mit diesen Worten unglaublichen Mut an den Tag. Tief in der Naziherrschaft, mehr als zwei Jahre nach dem Erlass der Nürnberger Gesetze und in einem Meer von antisemitischer Diskriminierung, scheut er sich nicht, in Deutschland in einem öffentlichen Blatt den tiefen Graben zwischen den Naziunterdrückern und den, obwohl in Sklavenketten gelegten, ihre Gottesebenbildlichkeit bewahrenden Juden aufzuzeigen. Die Matza symbolisiert hier die Botschaft von Pessach als «Fest der unverlierbaren Menschenwürde», der auch die grausamsten Verbrecher des Nationalsozialismus nichts anhaben konnten.
Rabbiner Carlebach spielte eine wichtige Rolle im Kampf um die jüdische Selbstbehauptung in Nazideutschland, was vielleicht seine relativ frühe Deportation (6. Dezember 1941) erklärt. Im KZ Jungfernhof war er bemüht, selbst in unmenschlichen Zuständen seine Menschenwürde zu bewahren, seine geistige Verantwortung wahrzunehmen und als Lehrer und Seelsorger zu wirken. Am Morgen des 26. März 1942 wurde er mit anderen männlichen Häftlingen auf einem Lastwagen in einen Wald bei Riga abtransportiert, wo er ermordet wurde. In der rechten Jackentasche hatte er seine Tefilin (Gebetsriemen), in der linken ein Bündel Matzot. Er hatte sie Tage zuvor heimlich im KZ gebacken.
Emanuel Cohn


