Wie Amerikas Zeitungen im Wahlkampf Flagge zeigen
Der Artikel lief auf einer ganzen Seite und schon Wochen vor der Publikation kursierten Gerüchte über das Stück, mit dem die «New York Times» Mitte Februar die Beziehung von John McCain mit einer blonden Lobbyistin enthüllen wollte. Doch statt den voraussichtlichen Kandidaten der Republikaner für die US-Präsidentschaft blosszustellen, hat die «Times» sich selbst bis auf die Knochen blamiert: Der Text unterstellt McCain eingangs eine Affäre mit der sehr viel jüngeren Dame, ohne danach auch nur einen einzigen handfesten Beweis dafür zu liefern. Neben den Unterstellungen gingen die ausführlichen und solide recherchierten Informationen zur Rolle von Lobbyisten in der Kariere McCains unter, die den Hauptteil des Artikels ausmachten. Über diesen kaum nachvollziehbaren handwerklichen Missgriff hinaus empörten sich nicht nur Konservative; besonders pikant ist, dass die «Times» kurz zuvor erklärt hatte, McCain sei der beste Kandidat auf republikanischer Seite. «Ja», fasst Morgan McGinley die Aufregung über die Geschichte zusammen, die «Times» hat das absolut vergeigt, die haben ein miserables Urteilsvermögen demonstriert. McGinley ist vor Kurzem nach 25 Jahren als leitender Redakteur bei der Regionalzeitung «The Day» in New London, Connecticut, in Ruhestand getreten. Das 1881 gegründete Blatt wird von einer Stiftung betrieben und ist eine der wenigen, noch verbleibenden unabhängigen Zeitungen in den USA. «The Day» wurde über Jahrzehnte immer wieder für seine Qualität ausgezeichnet. Nicht nur für die auf lokale und regionale Enzwicklungen spezialisierten Reporter, sondern auch für die von McGinley verantwortete Meinungsseite.
Redaktion und Editorial sind strikt getrennt
Der temperamentvolle Profi ist wie nur wenige Journalisten in Neuengland geeignet, in die selbst für seine Landsleute schwer nachvollziehbaren Gebräuche der amerikanischen Presse in Wahlkampfzeiten einzuführen. Zum einen, so McGinley, folgten die zunächst meist von einzelnen Familien betriebenen Blätter in den USA traditionell meist einer ziemlich klaren politischen Linie. In Boston standen sich etwa der konservative «Herald» und der liberale «Globe» gegenüber, der seit einiger Zeit dem «New York Times»-Konzern gehört. Gleichzeitig gilt es als heiliges Gesetz der hiesigen Presse, Meinung und Information strikt voneinander zu trennen. So ist die politische Position eines Blattes im Idealfall nur auf der «OpEd-Page» abzulesen, ihrer «Opinion» und «Editorial» gewidmeten Sektion. «Opinion» steht für Meinungen, die gerade bei kleineren Blättern wie dem «Day» häufig von Gastkommentatoren stammen, die für grosse Blätter oder Zeitungskonzerne schreiben und landesweit vertrieben werden. Zu dieser Riege prominenter Autoren gehören Konservative wie George F. Will, Robert Novak oder Charles Krauthammer. Auf liberaler Seite stehen ihnen Maureen Dowd, Paul Krugman und Bob Herbert gegenüber, um nur einige bei der «Times» unter Vertrag stehende Kolumnisten zu nennen.
Die «Times» achtet sehr darauf, ihren Lesern ein breites Meinungsspektrum zu präsentieren, auch wenn sich die New Yorker gerade bei der Auswahl ihrer Konservativen gerne in die Nesseln setzen. So empörten sich viele Leser über die Berufung von Bill Kristol, der ansonsten als Herausgeber des von Rupert Murdoch finanzierten, konservativen Kampf-Journals «Weekly Standard» fungiert. McGinley hält dieses Modell jedoch für sinnvoll: «Beim Day machen wir das auch so. So geben wir unserem Publikum die Chance, sich bei aktuellen Diskussionen über verschiedene Standpunkte zu informieren.» Anders verhält es sich dagegen mit dem Editorial. Die Stücke unter dieser Rubrik sind am ehesten mit den Leitartikeln deutscher Zeitungen vergleichbar, aber namentlich nicht gezeichnet. Diese Texte werden von dem «editorial board» der einzelnen Blätter verantwortet, dessen Leiter in dem «Flaggenmast» oder Impressum auf der gleichen Seite genannt wird. Beim «Day» bestand das «editorial board» unter McGinley aus insgesamt drei Redakteuren, zu denen sich bei schwerwiegenden Themen noch der Herausgeber hinzugesellte.
Wie McGinley erklärt, trennt ein tiefer Graben den «Newsroom», die Redaktion, und das Editorial: «Diese Ressorts operieren völlig unabhängig voneinander und sind gehalten, sich nicht miteinander abzustimmen.» So konnte das «Times»-Editorial McCain als den besten republikanischen Kandidaten empfehlen, während die Redaktion explosives Material über ihn zusammentrug. Das Editorial bei grösseren Blättern umfasst neben zahlreichen Redaktoren auch Assistenten, die mit Recherchen beauftragt sind. Auch diese Meinungs-Ressorts arbeiten nach journalistischen Regeln, folgen also nicht allein einer von den Eignern vorgegebenen Linie oder den Präferenzen der Redaktoren: «Wir äussern uns aufgrund von Informationen, die wir sorgfältig prüfen und abwägen», so McGinley. Dies gilt speziell für Wahlkampfzeiten. Dann bitten «editorial boards» landauf, landab Kandidaten vom Stadtrat oder Sheriff bis hin zum Gouverneur oder Senator zu Interviews. Beim «Day», der sich nicht nur gegen die «Times» oder den «Boston Globe» behaupten muss, sondern auch gegen die Konkurrenz grösserer regionaler Blätter wie dem «Hartford Courant» in der Haupstadt von Connecticut, haben McGinley und seine Kollegen dann jeweils bis zu 250 Interviews geführt – ein enormer Arbeitsaufwand, so der Journalist: «Natürlich gelingt es uns nur in Ausnahmefällen, Präsidentschaftskandidaten zu bekommen. Aber die US-Senatoren Joe Lieberman oder Christopher Dodd reisen regelmässig zu uns nach New London.»
Da die Wahlen für das Repräsentantenhaus in Washington und für zahlreiche bundesstaatliche und lokale Mandate alle zwei Jahre stattfinden, würden einzelne Interviews mit Kandidaten in manchen Fällen den Rahmen des Möglichen sprengen, erklärt McGinley: «So bitten wir oft sechs, sieben Leute zu einem Schlagabtausch.» Dabei gehen die Konkurrenten hinter verschlossenen Türen meist schärfer zur Sache als in öffentlichen Foren. Für Editorial-Schreiber wie McGinley «ist eine solche Veranstaltung eine sehr ertragreiche Informationsquelle.» Die meisten amerikanischen Zeitungen lassen die Kollegen aus den anderen Ressorts nicht an diesen Diskussionen teilnehmen. Manche Blätter gestatten dies allenfalls dem Chefredaktor. McGinley lehnt dies strikt ab: «Das verwässert die Trennung zwischen News und Meinung.» Der «Day» veranstaltet darüberhinaus auch öffentliche Diskussionen, bei denen sich die Kandidaten im lokalen Theater den Fragen der Journalisten stellen.
Dienst an der Gemeinde
McGinley versteht die Aufgabe gerade der Lokalpresse als «Dienst an der Gemeinde. Wir äussern uns ja nicht nur zu den Wahlen, sondern nehmen zu allen Problemen Stellung, die das Leben unserer Leser betreffen.» Den Zeitungen kommt gerade in Neuengland eine grosse gesellschaftspolitische Bedeutung zu. Zwischen New York und Maine ist über Jahrhunderte ein mitunter eigenbrötlerischer Partikularimus gewachsen, da hier auch kleine Gemeinden stolz auf ihre Unabhängigkeit beharren und sich bei Fragen von regionaler Bedeutung schwer mit Kompromissen tun. Der «Day» hat es auf sich genommen, Fragen der Verkehrsplanung oder die Rolle der gigantischen Indianer-Casinos im Südosten von Connecticut aufzugreifen und Lösungsvorschläge zu entwickeln. McGinley betont, dass er und seine Kollegen sich ihre Entscheidungen nicht leicht machen und Empfehlungen mitunter erst nach wiederholten Interviews getroffen haben: «Wir überprüfen unsere Positionen regelmässig und haben festgestellt, dass wir bei Kandidaten weniger nach der Partei als nach ihren Positionen in Sachfragen entscheiden.»
Das überrascht jene Leser, die nach einem Editorial entrüstet in der Redaktion anrufen oder sogar persönlich vorbeischauen, so McGinley. Der Einfluss eines «editorial board» hängt letztlich von der Kompetenz und der Erfahrung seiner Mitglieder ab. So fragt sich McGinley beim Frühstück mit dem «Merkur» im New Londoner Coffeeshop Muddy Waters zwar, ob er «diesen Job nicht viel zu lange gemacht hat». Aber der Journalist weiss auch, dass seine profunde Kenntnis der lokalen und regionalen Verhältnisse dem «Day» eine Kontinuität verliehen haben, von der die Leserschaft nur profitieren konnte. Gleichzeitig sieht der alte Zeitungsmann dieses publizistische Traditionsmodell bedroht. So habe die Konsolidierung der Printmedien dazu geführt, dass die einzelnen Meinungs-Ressort ihre Eigenständigkeit verlieren: «Im Mittelwesten gibt es Zeitungsketten, die sich schlicht an die Vorgaben der Besitzer zu halten haben. Das demoralisiert die Redakteure und beraubt Zeitungen gerade zu einem Zeitpunkt einer wertvollen Funktion, in der unsere ganze Branche vom Internet bedroht wird.» Als extremes Beispiel für diese Entwicklung betrachtet McGinley den Medienzaren Rupert Murdoch, der seine Zeitungen vor allem dazu benutzt, seine eigenen geschäftlichen Interessen voranzutreiben.
Andreas Mink


