«Wer ist schon wirklich glücklich?»
signierte der niederländische Autor seinen neuen Roman «Tirza»
tachles: Sie sind niederländischer Autor, leben und arbeiten in New York, haben aber ursprünglich deutsche Wurzeln. Können Sie ihren familiären Hintergrund kurz beschreiben?
Arnon Grünberg:Meine Eltern wurden bereits 1912 und 1927 geboren und stammen ursprünglich aus Deutschland. Meine Mutter ist 1939 auf dem Schiff St. Louis von Hamburg nach Kuba geflohen. Dort aber durften die jüdischen Flüchtlinge nicht einreisen, und so landete sie in den Niederlanden. Sie kam in ein Konzentrationslager, überlebte als einziges Mitglied ihrer Familie und gelangte wieder nach Holland. Dort traf sie auf meinen Vater, der den Zweiten Weltkrieg als desertierter Wehrmachtssoldat überlebt hatte. Meine Mutter spielte mit dem Gedanken, nach Argentinien oder Israel auszuwandern, wo sie ein Jahr lang gearbeitet hatte. Aber da mein Vater in Amsterdam bleiben wollte, haben sie dort zusammen gelebt.
Wie kam es dazu, dass Sie nach New York gingen?
Ich ging 1995 nach New York und bin dort geblieben. Das Schöne an der Stadt ist, dass es dort keine so grosse Rolle spielt, ob man jüdisch ist oder nicht. Wir sind nicht immer so ein Thema, alles ist viel selbstverständlicher. Ich würde nicht zurück nach Holland gehen, meine Mutter hat sich dort auch nie wirklich zu Hause gefühlt.
Wo fühlen Sie sich zu Hause, wo ist Ihre Heimat?
Mein Ideal ist das eines Kosmopoliten, der sich in vielen Grossstädten heimisch fühlt. Am wenigsten heimisch fühle ich mich in Amsterdam, weil dort zu viele schlechte Erinnerungen hochkommen. Ich finde es leichter, mich irgendwo zu Hause zu fühlen, wo ich ganz neu beginnen kann.-
Im Nachwort Ihres Romans «Gnadenfrist» schreiben Sie, dass Sie den Grossteil Ihrer Jugend in Gebetshäusern verbracht haben, diese Ihnen aber nichts mehr bedeuten. Welchen Stellenwert hat Religion für Sie heute?
Ich bin ziemlich religiös aufgewachsen, ich ging jeden Schabbat in die Synagoge und unser Haushalt wurde koscher geführt. Ich lernte Hebräisch und besuchte die Religionsschule. Meine ältere Schwester ist sehr religiös geworden, sie lebt mit ihrem Mann und ihren sieben Kindern in der Westbank. Ich hingegen habe mich von der Religion verabschiedet.
Leider noch nicht auf Deutsch übersetzt sind Ihre Werke «Die Grünberg-Bibel» und «Der jüdische Messias». Wie setzen Sie sich in diesen Werken mit Religion auseinander?
Innerhalb der Arbeit an der «Grünberg-Bibel» habe ich auf Nachfrage eines Verlegers die gesamte Bibel gelesen, das Alte und das Neue Testament, und die aus meiner Sicht bedeutungsvollsten Passagen herausgearbeitet. Das Ziel ist, den Menschen die interessantesten Stellen aus der Bibel zu präsentieren. Das war für mich ein sehr schönes Projekt. «Der jüdische Messias» ist gerade in den USA erschienen, und der deutsche Verleger hegt noch ein bisschen Befürchtungen, es übersetzen zu lassen. Es geht darin um den Enkel eines ehemaligen SS-Offiziers, der nun meint, das jüdische Volk trösten zu müssen. Der Protagonist lebt in Basel und verliebt sich dort in den Sohn eines Rabbiners. Er verhält sich immer jüdischer, der Rabbinersohn aber möchte sich lieber von der Religion lossagen. Sie gehen zusammen nach Israel – aber mehr will ich nicht erzählen.
Sie betrachten sich selbst als Sohn von Holocaust-Überlebenden, als einen «Insider», dem es zusteht, auch mal Witze über sensible Themen zu machen. Was genau meinen Sie damit?
Meine Mutter hat über ihre Zeit im Konzentrationslager gesprochen wie über das Abendessen. Wenn sie mal wütend auf uns war, hat sie gesagt: «Ich war glücklicher in Auschwitz als bei euch.» Solche Dinge einfach. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich Sachen sagen darf, die andere Menschen nicht sagen dürfen, aber ich habe keinerlei Skrupel. Für mich sind diese Themen nichts, über das ich nicht sprechen kann. Für mich war der Holocaust immer sehr konkret – und ich habe gelernt, die Äusserungen meiner Mutter mit Humor zu nehmen. Sonst wäre es ja auch zu schrecklich gewesen.
Haben Sie einen persönlichen Bezug zu Israel, werden Ihre Bücher auch ins Hebräische übersetzt?
Ich habe einen starken Bezug zu Israel und bin ziemlich zionistisch aufgewachsen. Gerade habe ich dort für einen Zeitungsartikel recherchiert. Ich war gerade in Israel, um einen Bericht über die dortige Armee zu schreiben. Mein Buch «Amour fou» ist schon auf Hebräisch übersetzt worden. Nun sollen «Blauer Montag», «Der Vogel ist krank», «Tirza» und «Der jüdische Messias» folgen.
Ihre Protagonisten unternehmen aus Sehnsucht nach einem besseren Leben oft der Versuch, aus ihren Gewohnheiten auszubrechen – es gelingt ihnen aber nicht. Glauben Sie selbst an diese Möglichkeit?
Ich bin nicht sicher, ob ich an die Möglichkeit glaube, wirklich etwas verbessern zu können. Aber ich finde, man muss es immer wieder versuchen. Man darf den Versuch nicht aufgeben, sonst kann man lieber aufhören zu leben. Es ist eine moralische Pflicht. Ich finde die Idee spannend, alles aufzugeben und für ein Ziel alles aufs Spiel zu setzen, um etwas zu erreichen. Denn wer ist schon wirklich glücklich?
Die Männer in Ihren Büchern nehmen die Welt oft anders wahr, als sie sich in der Realität abspielt. Die Differenz zwischen Wahrheit und Wirklichkeit ist gross – und sie wird ihnen teilweise zum Verhängnis.
Ich glaube, das ist schon so. Frauen haben einen grösseren Bezug zur Realität. Ich habe in Beirut eine Frau getroffen, die mir sagte: «Wenn es eine Änderung im Nahen Osten geben wird, dann wird diese Änderung von Frauen kommen.» Ich finde diese Idee ziemlich glaubwürdig, auch wenn ich die Frauen nicht idealisieren möchte. Ich habe grosse Sympathien mit den Männern in meinen Büchern, aber eben auch Mitleid. Ich kann mir durchaus vorstellen, so zu sein. Jürgen Hofmeester zum Beispiel, der Vater von Tirza, ist ein sehr tragischer Mensch. Frauen haben immer noch die Möglichkeit, Leben zu geben.
Sie legen Ihre Bücher in einem beachtlichen Tempo vor. Was sind Ihre nächsten Projekte?
Ich schreibe wieder an einem Buch, aber ich sage nicht, worum es geht. Da bin ich abergläubisch. Jetzt ist erstmal «Tirza» auf Deutsch erschienen, und da ich meist etwa ein Jahr für ein Buch brauche, wird mein neuer Roman nicht zu lange auf sich warten lassen.
Interview: Valerie Doepgen
Weitere Informationen unter www.arnongrunberg.com. Arnon Grünberg: Tirza. Diogenes Verlag, Zürich 2008.


