Gesellschaftliche Wunden
Vor Gericht muss sich eine 38-jährige Israelin, Mutter von acht Kindern, wegen Misshandlung von zwei dreieinhalb- und fünfjährigen Söhnen verantworten. Dabei ist «Misshandlung» noch eine verharmlosende Umschreibung für das, was sich da hinter verschlossenen Türen offenbar zugetragen hat. Einer der Buben wurde drei Tage lang in einen Koffer gesperrt. Unterbrochen wurde der Albtraum nur durch kurze Lüftungspausen. Gliedmassen der Kinder wurden angebrannt und dann mit Essig und Salz «behandelt». Eine Sonderbehandlung wurde dem Fünfjährigen zuteil; seine Mutter band ihn an einen elektrischen Heizkörper, von dem sie ihn erst befreite, als sich die Haut an Teilen des Körpers zu schälen begann. – Im Rahmen einer freiwilligen Selbstzensur beenden wir hier die Schilderung dieser perversen Grausamkeiten.
Besonders verwerflich sind die Motive, welche die von Komplizen beratene Frau – der geistige Mentor, ein Rabbiner, entzog sich der Verhaftung durch die Flucht ins Ausland – zu ihren Verbrechen trieben. Mit ihren Torturen wollte die Rabenmutter ihre Kinder von den «bösen Geistern» befreien, von denen diese angeblich befallen waren. Noch vor Gericht hatte die sich religiös gebende Frau die Stirn, ohne Unterbruch Psalmen zu rezitieren. Ein Hohn auf alles, das im weitesten Sinne unter den Oberbegriff «Religion» gefasst werden kann.
Der Fall steht nicht alleine da. In Bet Shemesh verhaftete die Polizei eine Frau – Mutter von zwölf Kindern –, der ebenfalls schwerste Misshandlungen vorgeworfen werden. Unter dem Vorwand, einen «tikun» vornehmen zu müssen, eine geistig-moralische Korrektur, traktierte die Beschuldigte einige ihrer Kinder mit allem, was ihr in die Hand kam. Die Frau gehört einer ultraextremen Sekte an, deren Mitglieder von Gott den Auftrag erhalten haben wollen, die Gesellschaft moralisch zu säubern. Ähnlich den Taliban-Frauen in Afghanistan gehen die Extremistinnen von Bet Shemesh – inzwischen wurden auch in Jerusalem Mitläuferinnen entdeckt – tief verschleiert. Ihre Körper hüllen sie in mehrere Schichten von Tüchern. Schon vom elften Altersjahr an müssen die Töchter – die Verschleierung ausgenommen – den Mummenschanz mitmachen.
Kurz vor den Feiern zum 60. Geburtstag des Staates Israel durchläuft die Gesellschaft des Landes eine der dunkelsten Phasen ihrer Geschichte. Der eingangs geschilderte Fall von Jerusalem ist nach übereinstimmender Ansicht von Experten und Richtern das Schlimmste, was in dieser Hinsicht seit 1948 bislang an die Öffentlichkeit gelangt ist. Und die Burka-Ungeheuer von Bet Shemesh stellen unter den Ultraorthodoxen des Landes zwar einer verschwindend kleine Minderheit dar, doch Fanatismus jeglicher Art kann bekanntlich ansteckender wirken als Grippeviren. Vor allem, wenn charakterlose Rabbiner sich dieser verblendeten Personen zum Zweck der finanziellen Ausbeutung annehmen und sie ermutigen, ihren Irrweg weiter zu beschreiten.
Bedenklich für Israels Gesellschaft ist die Tatsache, dass solche Zellen des Wahnsinns, des Kadavergehorsams und der Umkehrung aller gängigen Wertvorstellungen offenbar unbehindert wuchern können – so lange, bis sie kaum noch auszumerzen sind. Familienangehörige, Nachbarn, Sozialdienste, Lehrer, Kindergärtnerinnen, alle schweigen sie und verschliessen die Augen in kaum zu überbietender Egozentrik und Gleichgültigkeit.
Will er nicht riskieren, sich selber von innen her aufzufressen, wird der Staat Israel in den zweiten 60 Jahren seiner Existenz die gesell


