«Die Armut in jüdischen Kreisen stimmt nachdenklich»
tachles: In den zwölf Jahren Ihres Präsidiums hat sich auch im Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen (VSJF) Einiges verändert. Welches sind aus Ihrer Sicht die Meilensteine dieser Entwicklung?
Doris Krauthammer: Erstens konnte das Archiv des VSJF, welches auf Karteikarten die Geschichte jedes Flüchtlings während des Zweiten Weltkriegs enthielt und in einem schlechten Zustand war, im Jahr 1999 dank finan-zieller Unterstützung der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich in das Archiv für jüdische Zeitgeschichte integriert werden. Dort sind diese kostbaren Dokumente nun auf Mikrofilm sicher verwahrt. Zweitens konnten wir dank einer grosszügigen finanziellen Spende unser neues Domizil an der Dreikönigstrasse kaufen und umziehen und nun hier unsere Projekte verwirklichen. Eine weitere grosse Veränderung bestand zudem in der sogenannten Kantonalisierung. Früher hatten wir vom Bund den Auftrag, nicht jüdische Flüchtlinge zu betreuen und erhielten auch von dort die Mittel dafür, was uns finanziell absicherte. Dies wurde Ende 2000 an die Kantone delegiert, die den Hilfswerken diese Aufgabe entzogen haben. Deshalb haben wir nun weniger Angestellte.
Mit der Holocaust-Debatte kamen neue Aufgaben auf Sie zu.
Während des Präsidiums von Rolf Bloch wurde der VSJF die offizielle nationale Vertretung der Holocaust-Opfer der Schweiz, als die nachrichtenlosen Konten aufgearbeitet wurden. Seitdem betreut der VSJF über 100 bedürftige Holocaust-Opfer, schon einige Male konnten wir aus eigenen Mitteln jedem Einzelnen einen grösseren Betrag ausbezahlen.
Und Sie haben grosse Legate erhalten.
Ja. 2002 haben wir ein Legat von mehr als vier Millionen Franken erhalten ein Glücksfall, zu dem 2004 nochmals ein ansehnliches weiteres Legat kam. Für mich persönlich war aber auch wichtig, dass wir, als kurz nach meinem Amtsantritt der BosnienKrieg zu Ende ging und unsere Gruppe jüdischer Bosnier wieder hätte zurückkehren müssen, 1997/98 bewirken konnten, dass diese Menschen trotzdem in der Schweiz die vorläufige Aufnahme erhielten. Wir waren dafür extra nach Sarajewo gereist und konnten uns vergewissern, dass eine Rückreise unmöglich gewesen wäre, und wir konnten anschliessend auch die Politiker und Amtsstellen davon überzeugen. Was sich nicht verändert hat, ist die Tatsache, dass der VSJF die Hilfswerkvertretung bei den Anhörungen von Asylbewerberinnen und -bewerbern innehat. Neu ist, dass der VSJF als einziges Hilfswerk im neuen Flughafenverfahren tätig ist. Bei jeder solchen Anhörung ist jemand von unserem Hilfswerk dabei, insgesamt sind das Hunderte von Gesprächen, die von unseren 21 Mitarbeitenden im Asylbereich bewältigt werden.
Was ist aus Ihrer Sicht heute die wichtigste Aufgabe des VSJF?
Dass wir ein Kompetenzzentrum für jüdische Menschen in Not sind und den Sozialstellen der Gemeinden in diesen Belangen zur Verfügung stehen. Wir arbeiten eng mit ihnen zusammen, wir können koordinieren, verteilen, helfen. Darüber hinaus aber sind wir auch für Menschen zuständig, die in keiner Gemeinde sind, beispielsweise für viele Israeli, die in der Schweiz leben. Ebenfalls ist wichtig, dass wir der politische Arm des Schweizerisch Israelitischen Gemeindebunds (SIG) für Flüchtlingsfragen sind.
Die grossen Gemeinden haben ja eigene, sehr effiziente Fürsorgestellen. Gibt es da nicht Überschneidungen, brauchen diese den VSJF überhaupt?
Seit meiner Amtsübernahme haben die Kontaktaufnahmen durch die Gemeinden stark zugenommen, während am Anfang noch fast eine Konkurrenzsituation bestand. Die überaus kompetenten Mitarbeitenden melden sich, wenn sie Mittel und Informationen benötigen. Wir stellen fest, dass die Gemeinden nicht mehr so reiche Ressourcen haben. Man könnte aber auch sagen: Offensichtlich hat die Armut unter der jüdischen Bevölkerung der Schweiz zugenommen.
Und was ist heute die Hauptbedeutung des VSJF auf der politischen Ebene?
Ich sehe keine Alternative, wer sonst für das Bundesamt für Migration ein auf dem Gebiet des Asylwesens dermassen wichtiger Partner sein könnte. Weder der SIG noch eine andere Institution kommen dafür in Frage.
Aber es gibt doch nur wenige jüdische Flüchtlinge.
Es ist unheimlich wichtig, dass wir uns aufgrund unserer historischen Kompetenz und Sensibilität zu diesem Thema in der gesamten Asylfrage einbringen können. Die jüdische Rolle in diesem Kontext wird seitens des Bundesamts für Migration immer wieder angesprochen, und wir müssen sie wahrnehmen.
Erfüllt es Sie mit Sorge, dass die Schweiz sich unter dem Druck vor allem der SVP langsam von ihrer Rolle als Einwanderungsland abwendet, oder geht es hier um eine parteipolitische Öffentlichkeitsschlacht?
Gegen aussen ist es ganz klar die SVP, die gegen eine offene Asylpolitik Stellung nimmt, aber leider ist es nicht nur eine SVP-Angelegenheit. Ich empfinde schon, dass in der breiten Bevölkerung eine gewisse Angst gewachsen ist, die vielleicht auch mit wirtschaftlichen Gründen zu tun hat. Genau darum bin ich froh um jede Äusserung von Parteien, Vernunft walten zu lassen und die historische Rolle der Schweiz als humanitäres Land zu bedenken.
Würden Sie sich wünschen, dass die jüdische Seite diese Stimme der Vernunft selbstbewusster und lauter und weniger zurückhaltend als bisher einbringen würde?
Es ist gut, dass wir Mitglied der Schweizerischen Flüchtlingshilfe sind, und ich glaube, dass diese wieder gestärkt werden sollte. Es ist wichtig, dass wir uns gemeinsam mit den anderen Hilfswerken, aber auch den Kirchen, verlauten lassen. Das ist viel sinnvoller.
Ist es einfach eine Prinzipfrage, dass wir als Juden beispielsweise gegen die Einbürgerungs- oder die Minarettinitiativen sind?
Wir wissen doch aus unserer Geschichte, was es bedeutet, ausgegrenzt zu werden oder Religionsbeschränkungen zu erleiden. Schon deshalb müssen wir dagegen sein. Aus unserer Geschichte, aber auch aus unserem Menschlichkeitsverständnis müssen wir solche Phänomene bekämpfen.
Sie haben vorher die zunehmende jüdische Armut erwähnt. Können Sie uns dazu mehr sagen?
Seit ungefähr 2000 gelangen immer mehr Gesuche um finanzielle Unterstützung an uns. Gesuchsteller sind oft ältere Leute und immer mehr auch arbeitslose Männer um die 50 Jahre, die eine Familie unterhalten müssen und keine neue Anstellung finden, wie auch alleinerziehende Mütter.
Wie viele Leute unterstützt der VSJF ungefähr, die ohne diese Hilfe nicht mehr autonom leben könnten?
Ein paar Dutzend unterstützen wir monatlich, gegen 100 Personen erhalten dreimal jährlich eine Feiertagszulage, daneben unterstützen wir viele Menschen mit einmaligen Beiträgen.
Sie haben eine Armutsstudie in Auftrag gegeben. Was bezwecken Sie damit?
Die Studie soll den Ist-Zustand quantitativ aufnehmen, aber auch die Ursachen der Armut. Sie soll einen Vergleich zwischen jüdischer und nicht jüdischer Bevölkerung ermöglichen, sofern es einen gibt. Auf dieser Grundlage geht es dann um die Massnahmen, um die Verbesserung der Situation und um das aktive Eingreifen. Die Studie wird durch die Hochschule Luzern durchgeführt und im Juni 2008 abgeschlossen sein. Die Resultate werden auch nicht jüdischen Stellen, die interessiert sind, bekannt gegeben.
Ist es für Sie vorstellbar, dass künftig wieder eine jüdische Flüchtlingswelle auf uns zukommen wird?
Wir haben im Jahr 2006 erlebt, dass plötzlich Leute aus Israel völlig mittellos in die Schweiz kamen. Das waren zwar nur einzelne, vor allem ältere Ehepaare. Auf ein solches Flüchtlingsszenario müssen wir uns vorbereiten, wir werden dazu ein Projekt ausarbeiten.
Ist es ein Ziel des VSJF, zu einem Dachverband für jene Institutionen zu werden, die Geld für wohltätige Zwecke, Flüchtlinge oder Arme sammeln?
Nein, gar nicht. Wir stehen zwar mit den meisten in Kontakt, aber ein Zusammenschluss wäre nicht sinnvoll, weil es ja auch Prioritäten bei den Spendern gibt.
Sie werden bald auch als Mitglied der Geschäftsleitung des SIG zurücktreten. Was erhoffen Sie sich angesichts der vorhandenen Gräben für die Zukunft des Dachverbands?
Ich hoffe, dass es mit dem neuen Präsidenten und der neuen Geschäftsleitung eine Beruhigung geben kann. Es ist wichtig, gegen aussen als eine Einheit auftreten zu können, über den Röstigraben hinweg, und mit einer jüdischen Stimme zu sprechen, die dann auch etwas Essenzielles zu sagen hat. Ich möchte hier anfügen, dass die jetzige Geschäftsleitung in dieser wichtigen Angelegenheit nicht untätig war, was aber leider nicht von allen Kreisen wahrgenommen wurde.
In den zwölf Jahren Ihrer Tätigkeit haben Sie mit Sicherheit
viele berührende Einzelschicksale und Erlebnisse gehabt. Woran werden Sie
sich speziell
erinnern?
Ganz zu Anfang habe ich mit der Bosnier-Gruppe hautnah lernen können, was es bedeutet, wenn man wegen Antisemitismus zur Flucht gezwungen ist, in der Schweiz eine neue Heimat findet und diese dann auch wieder verlassen muss. Das hat uns alle sehr bewegt, und ich bin froh, dass wir etwas Positives ausrichten konnten. Aber ich musste erst auch lernen, wie schwierig es manchmal für Menschen ist, um Hilfe zu bitten, und wie man diese taktvoll gewähren und Vertrauen aufbauen kann. Für mich persönlich war es absolut positiv, zu sehen, wie man auch menschlich sehr viel helfen kann. Und anderseits war es schrecklich, miterleben zu müssen, wie ein älterer, nicht jüdischer Mann, den wir damals im Bundesauftrag betreuten, vor lauter Aufregung über eine neue Verfügung hier bei uns im Büro gestorben ist. Ich habe mich mit vielen Einzelschicksalen, auch von Holocaust Überlebenden, auseinandergesetzt und gesehen, was diese Leute wirklich durchgemacht haben, und wie schwer es für sie ist, ein einigermassen normales Leben zu führen. Die Armut in unseren jüdischen Kreisen stimmt nachdenklich.
Nach Ihrem Rücktritt per 1. Mai werden Sie wieder voll als Buchhändlerin arbeiten. Können Sie sich ein soziales Engagement trotzdem wieder vorstellen?
Ja, aber sicher nicht in einer Institution, sondern auf privater Basis. Endlich habe ich mehr Zeit für meine Familie. Die Tätigkeit im Rahmen des SIG hat mir sehr viel gegeben, und ich habe in dieser Zeit gemerkt, dass hinter den Kulissen sehr viel mehr gemacht wird, als man in der Öffentlichkeit wahrnimmt. Ich habe eine grosse, grosse Achtung vor allen, die ehrenamtlich oder in Institutionen tagtäglich ihren Beitrag leisten. Ich bin froh, mein Amt beim VSJF an jemanden wie Gabrielle Rosenstein weitergeben zu können, die politisches Gewicht, eine klare Aussage und menschliche Fähigkeiten hat.
Interview: Yves Kugelmann


