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5. April 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 4 Ausgabe: Nr. 4 » April 5, 2008

Optionen für eine jüdische Identität

Rabbiner Walter Jacob, April 5, 2008
Die überwältigende Mehrheit der Juden in Nordamerika, Israel und dem Rest der Welt ist nur in einem losen Sinne jüdisch. Aber solange jeder von uns an der Erneuerung des jüdischen Lebens in seiner ganzen Vielfalt teilnimmt, sieht unsere Zukunft hoffnungsvoll aus.

Von Rabbiner Walter Jacob

Wir Juden lieben den Pessimismus. Eine Schlagzeile über unser unmittelbar bevorstehendes Verschwinden fesselt uns mehr als ein Versprechen auf das messianische Zeitalter. Dies ist Teil unseres Erbes, das von den alten Propheten auf uns überkommen ist, aber selbstverständlich geht diese Haltung auch aus unserer Erfahrung im 20. Jahrhundert hervor. Im Jahr 1900 schien die Zukunft rosig. Aber 1940 sah die Lage ganz anders aus.

Dennoch überleben wir immer wieder, kommen auf die Beine und warten auf die nächste düstere Aussicht. Lassen Sie mich also mit den schlechten Nachrichten beginnen: Die überwältigende Mehrheit der Juden in Nordamerika, Israel und dem Rest der Welt ist nur in einem ganz losen Sinne jüdisch – nicht Mitglied einer Gemeinde oder einer Organisation, desinteressiert und unwissend. Sollen wir sie abschreiben oder als die brüchige Kante eines rapide schmelzenden Eisbergs betrachten, der sich in einem weiten, anonymen Ozean auflöst?

Ist diese jüdische Mehrheit wirklich am Ende? Sie steht geistig an der Peripherie und könnte ganz verloren gehen wie die zehn Stämme Israels in der Antike. Aber wir können sie auch aus einer anderen Blickrichtung betrachten. Diese Menschen formen eine neue, in ethnischer Hinsicht unverwechselbare Jüdischkeit. Sie teilen ein kollektives, kulturell-sittliches Gedächtnis und obwohl sie Maimonides, Buber oder dem Gaon von Wilna fernstehen, sind sie doch nicht verloren. Sie entwickeln eine jüdische Kultur, die auf losen Verbindungen zwischen Freunden beruht, auf dem Internet und einer unbestimmten Spiritualität. Diese Spielart der Jüdischkeit hält sich seit Generationen, vielleicht schon ein Jahrhundert lang. Es besteht daher kein Anlass, ihr Verschwinden zu befürchten. Wovon genau ist hier die Rede?

Deutschland: Wunsch nach Gemeinschaft

Wir können diesen Prozess am deutlichsten in den verschiedenen jüdischen Gemeinden in Mitteleuropa beobachten. Der Grossteil der jüdischen Welt beachtet diese Entwicklungen kaum und ist erst im vergangenen Jahrzehnt wieder darauf aufmerksam geworden, wenn auch mit geringem Interesse. Diese Juden sind entweder erst vor Kurzem in die einzelnen Staaten gekommen oder fühlen sich erst seit wenigen Jahren frei genug, ihre Jüdischkeit zu leben. Ihre Gemeinden verfügen nur über eine schwache Infrastruktur. Ihnen fehlen die breit aufgestellten Organisationen, die Juden in Nordamerika und Israel für ganz selbstverständlich halten. Und oft sind die von dort importierten Organisationen den europäischen Verhältnissen nicht angepasst. Religiöse Gruppen sind in Europa gerade erst im Entstehen. Dies gilt auch für die wirtschaftlichen Grundlagen zukünftiger Entwicklungen. Von überragenden Führungspersönlichkeiten fehlt ebenso jede Spur, obwohl es genug Leute gibt, die sich dafür ausgeben. Trotz all dieser Defizite regt sich jüdisches Leben an den unwahrscheinlichsten Orten, etwa in polnischen Städten. Was Religiosität und Organisierungsgrad dieser Juden angeht, so spielen idealisierte und verzerrte Vorstellungen über die Gemeinden hinein, die vor dem Krieg in Mitteleuropa oder Polen und der Ukraine bestanden.

Vieles, was wir in Europa als einen Neuanfang erkennen, gilt auch für die periphere Mehrheit der Juden in Nordamerika und Israel. Obwohl dort die Infrastruktur existiert, wird sie abgelehnt. Diese Juden stehen ausserhalb des organisatorischen und religiösen Rahmens. Aber sie sind auf eine Weise Suchende, die der Situation in Europa gleicht. So suchen sie nach ihrem eigenen Pfad, der sie zur Jüdischkeit und schliesslich zum Judentum führt.

Schauen Sie sich etwa Deutschland an. Die Juden dort waren eine begrenzte, kleine, isolierte und insignifikante Gruppe, bis die grosse Immigrationswelle russischer Juden unversehens eine Gemeinde geschaffen hat, die beinahe 200000 Mitglieder zählt. Die Propheten des Untergangs behaupten, diese Menschen seien in religiöser oder kultureller Hinsicht gar keine richtigen Juden und würden rasch verschwinden. Aber nun sind ein Dutzend Jahre ins Land gegangen und sie sind immer noch hier und dabei, ihre eigene Spielart der Jüdischkeit zu entwickeln. Sie haben Erwartungen enttäuscht und ihre eigenen Organisationen geschaffen, aus denen Interesse an Kultur, Religiosität, Musik und Information ebenso spricht wie der Wunsch nach Gemeinschaft. Diese entwickelt sich nach Mustern, die uns seltsam erscheinen mögen und die wir womöglich nicht als jüdisch erkennen. Aber diese Immigranten führen doch ein jüdisches Leben und werden so auf ihre Weise zu einer jüdischen Zukunft beitragen.

In Deutschland regt sich ein geistiges Leben, das seinen Ausdruck im jüdischen Theater, in Tanz, Musik und am deutlichsten erkennbar in der Publikation von Büchern über ernsthafte, jüdische Themen findet. Dies ist erstaunlich und gibt uns Anhaltspunkte für die Zukunft. Diese kulturelle Produktivität wird bislang nur in geringem Masse von den in jüngster Vergangenheit Immigrierten getragen. Diese sind noch zu sehr mit ihrem eigenen Überleben beschäftigt. Aber wir können davon ausgehen, dass ihre Kinder das jüdische Leben kulturell bereichern werden. Sehr bedeutsame Anstösse dafür kommen von nicht jüdischen Wissenschaftlern, wobei es keine Rolle spielt, ob diese nun von Schuldgefühlen motiviert werden oder von aufrichtigem Interesse. Daneben deutet das Entstehen akademischer Zentren wie des Abraham Geiger Kollegs an der Universität Potsdam oder der Hochschule für Jüdische Studien an der Universität Heidelberg auf die fruchtbare Entwicklung des jüdischen Lebens in Deutschland hin. Neben diesen bedeutenden jüdischen Lehranstalten in Mitteleuropa existiert eine ganze Reihe kleinerer.

Individuelle und persönliche Freiheit

Aber werden diese peripher jüdischen Menschen ihren Weg zurück zu einer jüdischen Existenz finden, die etablierten Normen entspricht, zum Judentum oder zur «Tradition», wie auch immer man diese interpretiert? Diese Menschen sind ganz sicher weder Museumsstücke noch eine Art Mahnmal, das an untergegangene, glorreiche Zeiten erinnert. Wenn Juden aus Amerika oder Israel nach Europa kommen, gedenken sie den in den Todeslagern Ermordeten. Andere suchen nach den Wohnsitzen ihrer Vorfahren – nach ihren Wurzeln. In jedem Fall sind sie blind für die lebenden Gemeinden. Diese gestalten mühsam eine neue Zukunft. Doch dabei haben wir es in Wirklichkeit mit einer gemeinsamen Suche und einem Wiederaufbau zu tun, dessen Anfänge 200 Jahre zurückliegen und uns alle betreffen.

Denn die Entwicklung, die uns heute in Europa begegnet, hat ihren Anfang genommen, als die Ghettomauern fielen, als viele in die unbekannten Weiten der Neuen Welt und später nach Israel aufbrachen. Seither haben wir Jüdischkeit und Judentum immer aufs Neue und in Ausdrucksformen erschaffen, die den vorherigen Epochen unvorstellbar schienen. Wir alle sollten über die Leistungen in Nordamerika und in Israel hoch erfreut sein. Bei der Gestaltung des modernen jüdischen Lebens haben wir über die vergangenen 200 Jahre einen weiten Weg zurückgelegt. Unsere heutigen Errungenschaften würden einem deutschen, polnischen oder russischen Juden des Jahres 1800 absolut bizarr erscheinen. Die Einheitsgemeinde früherer Epochen – eigentlich war diese ein «Staat im Staat», da sich jüdische Gemeinden weitgehend selbst regiert haben – ist verschwunden. Individuelle und persönliche Freiheit hat die in sich geschlossenen Gemeinden ersetzt.

Wir haben schon vor langer Zeit in Nordamerika und in Israel ein neues jüdisches Leben auf sehr hohem Niveau geschaffen. Das religiöse Leben ist in all seinen Strömungen – Reform, konservativ oder orthodox – völlig neu, stark und im Wachstum begriffen. Das intellektuelle und kulturelle jüdische Leben erfährt Impulse vor allem von der grossen Zahl von Seminaren für jüdische Studien an grossen und kleinen Universitäten in Nordamerika und Israel. Heute widmen sich Hunderte von Professoren der Vergangenheit und der Zukunft der Juden. Sie tragen damit seit einem halben Jahrhundert in wachsendem Masse zu diesem kreativen Prozess bei. Ob traditionell, Reform oder radikal – auch Jeschiwas gibt es in Hülle und Fülle. Darüber hinaus stimulieren Hunderte von nordamerikanischen und israelischen Publikationen gedruckt und im Internet Juden in den Zentren und an der Peripherie.

Neue Formen der Jüdischkeit

Im Zentrum all dieser Entwicklungen steht das religiöse Judentum. Es ist gesund, lebhaft und kreativ in all seinen pluralistischen Ausdrucksformen. Dank dem Internet stehen seine Institutionen und Ausbildungswege jedermann offen. Dies erschwert die Messung seiner Reichweite. Wie zahllose Blogs belegen, ist das Internet nicht an Nation, Ort oder Hierarchie gebunden, sondern offen und frei zugänglich. Juden an der Peripherie können sich ebenso engagieren wie die im Zentrum. Beide nehmen diese Gelegenheit wahr und das macht unsere Zukunft so vielversprechend. Die heutigen Debatten über Pluralismus, soziale Probleme und die Natur des Judentums selbst sind so lebhaft wie die vergangener Jahrhunderte über den Zionismus und das Reformjudentum. Obwohl die äussere Welt freundlich und attraktiv ist, hat sie an Reiz verloren und selbst jene, die nur am Rande Juden sind, wenden sich zunehmend nach innen. Die intellektuelle Gärung hat nicht nur jene ergriffen, die ohnehin stark engagiert sind oder in einer Handvoll Städte leben – sie ist in der ganzen jüdischen Welt evident. Sowohl in Israel als auch in Nordamerika sind die Gemeinden im Fluss und in einem rapiden Wandel begriffen. Wer sich nach den stabilen Verhältnissen der Vergangenheit sehnt, wird enttäuscht werden. Dieses geistige Ferment berührt sogar die am äussersten Rand der Peripherie stehenden Juden, denn auch sie befinden sich auf der Suche, und sei es nur gelegentlich. Da uns für unsere jüdische Identität eine Vielzahl von Optionen offensteht, sollten wir uns nicht allzu sehr um die Zukunft oder unsere demografische Entwicklung sorgen. Einige wenige mögen für immer verloren gehen, aber die meisten werden in Nordamerika, Israel und Europa neue Formen der Jüdischkeit und des Judentums schaffen.

Solange jeder von uns im Zentrum und an der Peripherie an der Neuerschaffung und Erneuerung des jüdischen Lebens teilnimmt, sieht die jüdische Zukunft hoffnungsvoll aus. Überall auf der Welt werden jüdische Gemeinden sich eine neue Gestalt geben und andere Formen annehmen. Wenn wir ein Jahrhundert vorausschauen könnten, würde uns das jüdische Leben dort ebenso andersartig erscheinen wie die jüdische Welt des 19. Jahrhunderts. Was hält uns zusammen und gibt uns Hoffnung? Die starken Bande von Erinnerung und Tradition, verbunden mit der Fähigkeit, eine jüdische Welt zu schaffen und zu denken, die uns mit der Vergangenheit verknüpft, aber bereit ist, eine Zukunft anzunehmen, die wir uns noch nicht vorstellen können.





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