Judentum wohin?
Wer dieses Heft aufschlägt, wird in einen Disput verwickelt, dem das Alter der Ausgangsfrage nichts von seiner Schärfe nimmt: Die Zukunft des Judentums steht zur Diskussion. Es ist dem aufbau gelungen, dazu Positionen aus Europa, Israel und den USA einzuholen, die einander an Pointiertheit, gelehrtem Scharfsinn, aber auch an Emotion in nichts nachstehen – auch wenn die hier versammelten Essays und Interviews bisweilen ganz konträre Standpunkte vertreten. Bemerkenswert ist jedoch die Übereinstimmung zwischen dem orthodoxen Rabbiner Adin Steinsaltz, den jüngeren britisch-jüdischen Denkern Antony Lerman und Brian Klug oder dem 1939 aus Deutschland in die USA geflohenen Rabbiner Walter Jacob bei der Analyse der Gegenwart. Aber wenn Steinsaltz im Gespräch mit Chefredakteur Yves Kugelmann sagt: «Ein Jude ist eine Person, die durch Abstammung, Benehmen, Sprache und Denken jüdisch ist. Vor 200 Jahren traf das auf fast alle Juden zu, aber heute will man die Kriterien reduzieren, um die Anzahl zu erhöhen», dann erteilt er einer Entwicklung eine Absage, der Lerman, Klug und ¬Jacob ebenso positive Seiten abgewinnen können wie die Publizistin Diana Pinto. Denn auch Jacob stellt in seinem Beitrag eingangs fest: «Die überwältigende Mehrheit der Juden in Nordamerika, Israel und dem Rest der Welt ist nur in einem ganz losen Sinne jüdisch.» Doch dann wechselt der Präsident des Abraham Geiger Kollegs in Potsdam den Blickwinkel und beschreibt «diese jüdische Masse» als «Suchende»: «Diese Menschen formen eine neue, in ethnischer Hinsicht unverwechselbare Jüdischkeit. Sie teilen ein kollektives, kulturell-sittliches Gedächtnis und obwohl sie Maimonides, Buber oder dem Gaon von Wilna fernstehen, sind sie doch nicht verloren. Sie entwickeln eine jüdische Kultur, die auf ¬losen Verbindungen zwischen Freunden beruht, auf dem Internet und einer unbestimmten Spiritualität.» Jeweils aus einem eigenen Blickwinkel fordern Lerman, Klug und Pinto für diese «an der Peripherie des Judentums» Stehenden zum einen Respekt ein. Die Autoren geben aber auch zu Bedenken, dass über die neuen, gerade in Europa aufblühenden Formen jüdischer Identität noch gar nicht genug bekannt ist, um diese verwerfen zu können. Einen vergleichbaren Wandel diskutiert im Interview mit Jacques Ungar der Jerusalemer Rabbiner David Hartman auch mit Blick auf Israel, wo er am «Aufbau der Jüdischkeit durch die gelebte jüdische Geschichte» mitwirkt. Der Philosoph sagt: «Hier identifiziert man sich nicht nur durch Krisen und Antisemitismus – Israel versucht, ein tieferes Verständnis für das Judentum zu entwickeln, auch wenn wir noch sehr weit von unserem Ziel entfernt sind.» An der Schnittstelle von Zugehörigkeit zu einer traditionellen jüdischen Gemeinschaft und der anbrandenden, westlichen Moderne findet sich mit dem Harvard-Rechtsgelehrten Noah Feldman ein weiterer namhafter Autor dieser Ausgabe. Mit einem hier erstmals in deutscher Sprache publizierten Essay hat Feldman in den USA grosse Wellen geschlagen. Er macht zwar aus seiner ¬Empörung keinen Hehl, als ihn seine modern-orthodoxe Jeschiwa in Boston schneidet, weil er eine Koreanerin liebt. Aber Feldman wendet sich dennoch nicht von seiner «Community» ab. Er beruft sich auf die modern-orthodoxe Tradition, Thora und moderne Wissenschaft in Einklang zu bringen, ehe er eine Zukunftsperspektive entwickelt, auf die sich die in dieser Ausgabe versammelten Disputanten vielleicht doch einigen könnten: Widersprüche lassen sich nicht wegdiskutieren. Es gilt, sie zu verstehen und im eigenen Alltag auszuhalten.


