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5. April 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 4 Ausgabe: Nr. 4 » April 5, 2008

In ruhigere Gewässer?

Diana Pinto, April 5, 2008
Die jüdische Welt ist in Bewegung: Sie verlässt die Jahrzehnte des Holocaust-Gedenkens und ihren historischen Orbit.

Von Diana Pinto

Auf die Frage nach der Zukunft des Judentums kann ich eine europäisch-jüdische Antwort anbieten, die stark von meiner Sicht der Zeitgeschichte beeinflusst ist. Von dieser Warte aus sehe ich das Judentum auf dem Weg in ruhigere Gewässer – wobei ich die Möglichkeit einer den Staat Israel betreffenden internationalen politischen Katastrophe beiseite lassen möchte. Ich betrachte die Jahre zwischen 1980 und 2005 als ein Vierteljahrhundert, während dessen Juden in der westlichen Welt nicht nur sichtbar waren, sondern im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte standen. Diese Epoche klingt allmählich aus. Mit ihr verebben die Wogen von Hoffnung und Angst, welche die jüdische Welt in einen unzumutbaren, fieberhaften Zustand geworfen haben.

Damit will ich nicht sagen, dass auch nur eine der wesentlichen Fragen, die die Juden betreffen, «gelöst» worden sind: «Wer ist jüdisch?»; Konversion; die Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora; Religion oder Säkularismus?; jüdische Identität; Antisemitismus und das Gedenken an den Holocaust – keines dieser Probleme hat an Bedeutung verloren und sie werden uns wohl auch bis in ferne Zukunft erhalten bleiben. Aber der Kontext dieser Fragen hat sich beruhigt. In den Ländern mit bedeutenden und historisch signifikanten jüdischen Populationen sind markante Veränderungen eingetreten, die sowohl die jüdischen Gemeinden als auch deren Öffentlichkeit im Allgemeinen betreffen. Um es auf den Punkt zu bringen: Die jüdischen Kassandras mit ihren düsteren Proklamationen eines Antisemitismus, der zur treibenden Kraft in einem dekadenten «Eurabia» wird, sehen sich ebenso widerlegt wie die jüdischen Nachfahren des ewigen Optimisten Candide. Auch deren sonnige Prophezeiungen einer starken europäisch-jüdischen «Säule», die mitunter die anscheinend unaufhaltsam wachsenden russisch-jüdischen Gemeinden einschliessen sollte, ist nicht Wirklichkeit geworden. Aber diese Zukunftsmodelle sind dennoch nicht gleichwertig. Denn während das Ausbleiben einer neuen Welle des Antisemitismus eine wesentliche Bedeutung für die Zukunft der europäischen Juden hat, ist es zwar in vielerlei Hinsicht bedauerlich auch für Europa insgesamt, dass sich die zweite Variante nicht bewahrheitet hat. Aber trotz der politischen Rückschritte in Russland kann von einem Ende einer vitalen jüdischen Präsenz in Europa keine Rede sein.

Zahlen sind nur ein Aspekt der Geschichte

Das jüdische Leben ist heute überall in Europa vielfältiger, sicherer und ruhiger als zu jedem Zeitpunkt, seit es zu einem sichtbaren Bestandteil unserer pluralistischen Demokratien geworden ist. Die «Kriege» der Denominationen, in denen die liberalen und orthodoxen Strömungen innerhalb der einzelnen Gemeinden aufeinanderprallten, sind aus einer Reihe ganz unterschiedlicher Gründe abgeklungen. Jeder «Stamm» konzentriert sich heute auf die Stärkung des eigenen Lagers. Die Staaten Europas haben inzwischen gelernt, die Gruppen als gleichberechtigt zu betrachten und als legitim zu respektieren. In den einzelnen Ländern hat sich überdies eine Atmosphäre des «Leben und Leben lassen» etabliert. Ein Grund dafür ist das Gefühl, dass die Zahl der Juden auch in den kleineren Gemeinschaften so gross ist, dass das Nebeneinander unterschiedlicher Strömungen ihre Existenz nicht gefährdet. Zudem haben Juden jeder Orientierung realisiert, dass sie einem antiautoritären Volk keine allein geltende Richtung aufzwingen können. Schliesslich kann man auch Katzen nicht in Herdenvieh verwandeln.

Die angstvolle Debatte um jüdische Identität hat ebenfalls stark an Relevanz verloren. Sie hat während der frühen 1990er Jahre einen grossen Raum in den USA eingenommen und wurde für eine gewisse Zeit von dem Wunder des wiederentdeckten osteuropäischen Judentums verdrängt. Diese Entwicklung gründet nicht auf einer gewaltigen Vermehrung der Juden, sondern auf der Tatsache, dass Juden überall in Europa einsehen, dass Zahlen nur ein Aspekt ihrer Geschichte sind. Die jüdische Präsenz auf dem Kontinent hat eine symbolische Macht, die der «Jüdischkeit» eine ganz neue Dimension verleiht, wenn sie gemeinsam mit der sichtbaren Präsenz in der breiten Öffentlichkeit und der immer reicheren Vielfalt an kulturellen und religiösen Ausprägungen jüdischer Existenz betrachtet wird. In diesem Zusammenhang kommt neu auch den «Para-Juden», die sich von allem Jüdischen angezogen fühlen und womöglich teilweise jüdischen Ursprungs sind, eine Schlüsselrolle bei der Vergrösserung und Etablierung der jüdischen Präsenz in europäischen Gesellschaften zu. Obendrein sind nun die Muslime in den Mittelpunkt der grossen Identitäts-Debatte in Europa gerückt. Dadurch sind die Juden zu «alten» Europäern, wenn nicht sogar überraschend zu den Mitbegründern eines christlich definierten Europas geworden, auch wenn sie mit diesem nicht notwendigerweise übereinstimmen.

Die neue Generation und der Holocaust

Der Holocaust hat seine überragende Bedeutung verloren, nachdem er der neuen jüdischen Präsenz in Europa den normativen Hintergrund verliehen hatte. Zum einen ist der Holocaust in einer Vielzahl von Erinnerungsstätten, Denkmälern und Museen zur Genüge erinnert und geheiligt worden, während er auch in unterschiedlichem Ausmass Eingang in das Erziehungswesen europäischer Staaten gefunden hat. Bedeutsamer ist jedoch die Tatsache, dass der Holocaust auch aus positiven Gründen in den Hintergrund getreten ist, da eine neue Generation von Juden existenzielle Identitäts-Definitionen gesucht (und gefunden) hat, die nicht mehr auf Leid und Tod beruhen. Die noch nach der Jahrtausendwende dominierende Befürchtung, dass der Holocaust aus dem Bewusstsein der Welt verschwinden, banalisiert oder – schlimmer noch – durch Antisemiten manipuliert und gegen die Juden gekehrt werden könnte, hat sich ebenfalls aufgelöst. Sowohl die Juden in Europa als auch die Erinnerung an den Holocaust haben sich als sehr viel robuster erwiesen, als die Pessimisten erwartet hatten.

Ein Übriges hat der blosse Lauf der Zeit getan. Der Holocaust ist vom Reich der Erinnerung in die Weltgeschichte eingetreten. Dort wird jede neue Generation seine Bedeutung abwägen und neu werten – und das wird nicht nur für die Juden gelten. Der Holocaust darf nicht zum Gegenstand historischer Nullsummen-Spiele werden. Auch legitime Versuche, Sklaverei und Kolonialismus in Erinnerung zu rufen, sollten das Ausmass dieser Katastrophe nicht relativieren. Aber wir müssen auch verstehen, dass Juden nicht auf immer im Schatten ihrer historischen Bedrängnis existieren können. Das Leben verlangt nach seinem Recht.

Gleiches gilt für den Antisemitismus. Die fast schon theologischen Debatten darüber, ob Europa erneut seinen alten antisemitischen Dämonen zum Opfer gefallen ist oder neue auf die Welt gesetzt hat, haben das jüdische Denken zu Beginn des neuen Jahrtausends dominiert. Doch auch sie sind gottlob inzwischen in den Hintergrund getreten. Diese Diskussionen waren kasuistisch und steril. Vor allem haben sie das Denken vieler Juden vergiftet und ihnen eingeflösst, die 1930er Jahre wären erneut über sie hereingebrochen. Dass ein derartiger Vergleich überhaupt in Umlauf gebracht werden konnte, stellt in meinen Augen bereits einen Anschlag auf die Erinnerung an die jüdischen Opfer jener Jahre dar. Dass dieser Vergleich als Analyse des Holocaust nicht taugt, wird schon daran deutlich, dass ein derart vereinfachendes Verständnis des Antisemitismus eine so starke psychologische Wirkung gezeitigt und jüdische Ängste, aber auch politischen Aktivismus geschürt hat. Die Macht, mit der die Regierungen Europas auf antisemitische Zwischenfälle reagiert haben, hat jüdisches Leben auf dem ganzen Kontinent nicht nur möglich gemacht, sondern Europa auch eine kollektive, historische Legitimität verliehen, die ihm in den Augen Israels und amerikanischer Juden häufig abging. Diese waren zuvor rasch bereit gewesen, Europa als unreformierten Ort des Horrors zu verdammen.

Zweitwohnsitz Israel

Auch Israel hat eine Normalisierung erlebt. Nicht, dass seine arabischen Nachbarn seine Existenz akzeptiert hätten, aber in der Haltung der Juden in aller Welt zu Israel. Vor zehn Jahren herrschte in der jüdischen Welt grosse Sorge darüber, ob Israel fähig sei, das 50. Jubiläum seiner Gründung angemessen zu feiern. Darunter wurde zu einem Zeitpunkt, da «post-zionistische» Historiker im Aufschwung waren, eine verbindliche, wenn nicht monolithische zionistische Lesart der Nationalgeschichte verstanden. Heute sind derartige Befürchtungen im Vorfeld des 60. Jubiläums nicht mehr zu hören. Man geht schlicht davon aus, dass jede der Gruppen, aus denen sich die israelische Gesellschaft zusammensetzt, den Feiertag auf ihre Weise begeht, oder auch nicht. Diese Haltung mag weniger grandios sein, aber sie ist auch sehr viel normaler. Israel hat zwei Intifadas bewältigt, die auf den Kern seiner Existenz gezielt haben. Es ist durchaus möglich, dass der jüdische Staat seine Kraft aus eben dieser Fähigkeit zieht, seine diversen Bevölkerungsgruppen, seine diversen «Stämme» miteinander koexistieren zu lassen, auch wenn der politische Rahmen des Landes schwächer wird.

Obwohl viele Israeli davon überzeugt sind, dass die überwiegende Mehrheit der Juden auf längere Sicht in ihrem Staat leben werden – und sei es, dass sie nur davon ausgehen, dass die Diaspora zahlenmässig schwächer wird –, so bin ich davon ganz und gar nicht überzeugt. Ich gehe sehr wohl davon aus, dass ein jüdischer Staat, der sich auf ein Territorium zurückzieht, das ihm erlaubt, sowohl jüdisch als auch demokratisch zu sein, zunehmend die Rolle eines pied à terre einnehmen wird: Als Zweitwohnung einer jüdischen Welt, deren Mitglieder – Israeli eingeschlossen – unaufhaltsam wieder zu einem Volk mit globaler Präsenz werden, das eine Vielzahl von Schwerpunkten hat.

Wenn ich abschliessend die ewige Frage der Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora anspreche, so spüre ich, dass die ideologischen Spannungen, die diesem Konzept lange zu eigen waren, ebenfalls blasser werden. In einer Welt multipler Loyalitäten wird dieses Überbleibsel einer militanten Vision zionistischer Staatsbildung zunehmend anachronistisch. Israeli und Diaspora-Juden stehen ungeachtet nationaler Grenzen beruflich und kulturell in regem Austausch miteinander. Versuche, die Diaspora nach Israel zu holen, «ehe es zu spät ist», sind jedoch, wie der von Ariel Sharon mit Blick auf Frankreich im Jahr 2003, gescheitert. Natürlich gibt es gerade in Frankreich Juden, die sich zunehmend als «Israeli im Ausland» betrachten. Doch die überwiegende Mehrheit der Diaspora-Juden denkt nicht daran, nach Israel zu ziehen, und empfindet darüber auch kein schlechtes Gewissen. Wir sind in eine Epoche sehr flexibler Identitäten eingetreten, in der keine spezifische jüdische oder israelische Form der Eigenheit mehr das Prädikat «fortschrittlich» für sich in Anspruch nehmen kann. Damit existiert im Gegensatz zur Nachkriegszeit auch keine verbindliche Vorlage mehr dafür, was «Judentum» bedeutet.

Die jüdische Welt ist in Bewegung: Sie verlässt die Jahrzehnte des Holocaust-Gedenkens und ihren historischen Orbit und dringt nach Asien vor. Sie bewegt sich hinein in die Gesellschaften des «alten Europa», die in einer brownschen Bewegung mündet, die unvorhersehbar und unkontrollierbar wie das Leben selbst ist. Diese Diagnose mag Befürchtungen auslösen und viele zu Umstellungen nötigen. Aber es ist eben dieses viel offenere Szenario für eine weltumspannende jüdische Gemeinschaft, das meine Überzeugung erklärt, dass die Judenheit in ruhigere Gewässer eingetreten ist, nachdem sie ein turbulentes Vierteljahrhundert lang zwischen Hochgefühl und Sorge existiert hat.





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