logo
5. April 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 14 Ausgabe: Nr. 14 » April 5, 2008

Kurz vor der Schliessung?

April 5, 2008
Das Zürcher Koscher-Restaurant Schalom steht vor dem Aus, wenn nicht bald einige hunderttausend Franken gefunden werden, um den drohenden Konkurs der Betreibergesellschaft Hadar AG abzuwenden. Das Personal erhielt die Kündigungen, Lieferanten warten auf Bezahlung.
Gemeinderestaurant Schalom Innerhalb eines Jahres in den Ruin
gewirtschaftet

Das Koscher-Restaurant Schalom im Gemeindehaus der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) läuft sehr gut, aber bei der Betreiberin Hadar AG türmen sich Schulden, die rund 350 000 Franken betragen sollen, fast nur Lieferanten-Rechnungen. Sie häuften sich in nur einem Jahr an, in dem die Hadar AG das Restaurant führte, nachdem der Pachtvertrag mit Chaim van Dijk nach 35 finanziell erfolgreichen Jahren nicht verlängert worden war. Dem Personal ist Ende März gekündigt worden, und es sieht ganz so aus, als könnte im Schalom nach den Pessachfeiertagen die Küche kalt bleiben.

Die ICZ hat ihre Mitglieder am Montag informiert: Die Hadar AG, in deren Verwaltungsrat je zwei Vertreter der ICZ und der Israelitischen Religionsgesellschaft (IRG) sitzen, unter dem Präsidium des ehemaligen ICZ-Präsidenten Harry Berg, habe in mehreren Sitzungen mit Vertretungen der ICZ und der IRG «detaillierter über die prekäre finanzielle Situation des Unternehmens» berichtet und Sanierungs- und Betriebskonzepte skizziert.

Suche nach Lösungen

«Die Verhandlungen des Verwaltungsrats der Hadar AG mit möglichen neuen Investoren und Pächtern sind aber noch nicht so weit gediehen, dass das Restaurant Schalom – in Anbetracht der Schulden und des defizitären Betriebs – weiter betrieben werden kann», heisst es in der ICZ-Information. «Der Vorstand der ICZ bedauert sehr, dass es dem Verwaltungsrat und der operativen Leitung der Hadar AG trotz grossen persönlichen Einsatzes noch nicht gelungen ist, die Zukunft des Restaurants zu sichern. Auch wenn der Verwaltungsrat der Hadar AG die Suche nach weiteren Lösungen noch nicht aufgegeben hat, geht der Vorstand der ICZ heute davon aus, dass das investierte Kapital und die gewährten Darlehen der Gemeinde abgeschrieben werden müssen. Über die Höhe des möglichen Schadens für die ICZ besteht heute noch keine Klarheit.»

Diese Aussage dürfte sich auf die Hälfte des Aktienkapitals der Hadar AG (54000 Franken laut Handelsregister) sowie auf die 170000 Franken beziehen, welche eine ICZ-Gemeindeversammlung Ende 2006 zur Übernahme von Infrastrukturteilen bewilligt hatte. Eine weitere GV lehnte es dann allerdings ab, die Darlehen über je 25 000 Franken zu übernehmen, die zwei ICZ-Mitglieder Schalom gewährt hatten. Im vergangenen Jahr erhielt die ICZ auch nicht die 120000 Franken Miete, die der frühere Pächter bezahlt hatte. Ein neuer Pächter müsste dem Vernehmen nach im ersten Jahr jedoch lediglich 24000 Franken, im zweiten Jahr einiges mehr an Miete bezahlen.

Schaden so gering wie möglich halten

Wie und in welcher Form künftig eine koschere Verpflegung in den Räumen der ICZ angeboten werde, könne noch nicht gesagt werden, schreibt das Co-Präsidium der ICZ weiter. Der Vorstand werde sich einsetzen, dass eine solche im Gemeindezentrum weiterhin erhältlich sein werde. Auch sei der Schaden für die Gemeinde so gering wie möglich zu halten. Auf Anfrage sagt Co-Präsident André Bollag, die ICZ sei Aktionärin der Hadar AG und mische sich nicht ein. «Wir unternehmen grosse Anstrengungen, damit wir trotz der hohen Schulden weiterhin ein Koscher-Restaurant, das Fleisch serviert, betreiben können», sagt Hadar-Präsident Harry Berg zu tachles. «Ich musste zum ersten Mal im Leben vor Mitarbeitenden stehen und ihnen sagen, dass ihnen gekündigt wird, das war hart.»

Die Höhe der Schulden, die allgemein mit 350000 Franken beziffert werden, will Harry Berg nicht bestätigen und nicht dementieren. Etwas anderes berichtet er gern: Der Jahresumsatz habe 1,2 Millionen Franken betragen, das Schalom mit der Geschäftsführerin Jäcky Wider sei täglich gut besucht gewesen, die Gäste hätten sich wohl gefühlt. Auch das Catering sei gut angekommen. Um das Catering kümmerte sich bis Ende 2007 Beni Witztum, ehemaliger ICZ-Generalsekretär, der erst in dieser Funktion, dann privat zu etwa 15 bis 20 Prozent, wie er sagt, im Schalom gearbeitet habe, «für kein grosses Salär». Er sagt, er habe keine Ahnung von den finanziellen Aspekten, damit habe er nie etwas zu tun gehabt.

Fakt ist, dass das Schalom im vergangenen Jahr viel mehr Aufseher (Maschgichim) einstellen musste als unter Chaim van Dijk und dass diese nach übereinstimmenden Informationen im Monat meist 15000 Franken kosteten. «Die religiöse Kontrolle war viel strenger als früher», sagt Harry Berg. «Die Vorschriften wurden sozusagen täglich verschärft. Der frühere Pächter wurde akzeptiert, weil er den Schabbat heiligt und deswegen mit weniger Aufsicht auskommen durfte. Aber bei uns teilten sich vier Leute 200 Stellenprozente. Ihre Bezüge machten 20 Prozent der Personalkosten aus. Diese Löhne konnten wir eigentlich nicht zahlen, mussten sie aber dennoch akzeptieren. Ständig hing über uns das Damoklesschwert, dass uns sonst die Aufsicht entzogen werde. Dann wären 80 Prozent der Gäste nicht mehr gekommen, denn nur etwa 20 Prozent sind ICZ-Mitglieder. Der Druck war enorm. Wir standen mit dem Rücken zur Wand. Das hatten wir unterschätzt.» Die Vorschriften wurden immer spitzfindiger. Eines Tages wurde verlangt, dass ein Aufseher den Transport der Menüs beaufsichtigen müsse, die seit alters her aus der Restaurantküche in die Sitzungszimmer der Kommissionen und der Vorstandsmitglieder im dritten Stock gebracht werden. Harry Berg intervenierte energisch, und der Spuk hörte auf. Ein anderes Mal wurde angeordnet, dass die Erdbeeren in Seifenwasser gewaschen werden müssten. Die Küchenmannschaft wehrte sich nach langen Kämpfen am Ende erfolgreich. «Ging ich jeweils den neuen Vorschriften nach, wollte nie jemand den Auftrag erteilt haben, sagt Berg. Benny Rothschild (IRG), der für die Aufsicht zuständig ist, war telefonisch nicht erreichbar. Den Betreibern wurde sogar vorgeschrieben, wo sie einkaufen durften.

Finanzielle Lage ungelöst

Gespräche mit potenziellen Pächtern laufen wohl noch, sagt der Hadar-Präsident, aber die finanzielle Frage sei nicht gelöst. Um schuldenfrei zu werden, benötigt die Hadar AG dem Vernehmen nach etwa 220000 Franken, von einem Pächter beziehungsweise. Sponsoren oder von den beiden Gemeinden. Dazu kommt Arbeitskapital, um weiter zu arbeiten. Die Gespräche mit den Gemeinden seien ermutigend, sagt Berg, auch die IRG wolle helfen, das Schalom zu retten. Der Hadar-Vizepräsident, IRG-Mitglied, wollte allerdings nicht mit tachles sprechen. «Ich hoffe, dass wir erfolgreich sein werden», sagt Berg. «Ich setze mich weiter ein.»

Gisela Blau





» zurück zur Auswahl