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5. April 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 14 Ausgabe: Nr. 14 » April 5, 2008

Jüdisches Gemeindezentrum als Vorbild

April 5, 2008
Wie eine amerikanische Idee die jüdische Gemeinde in Bukarest verändert.
Die Choral-Synagoge Ein Überrest des einstmals reichen
jüdischen Lebens in Bukarest

Von Julian Voloj

Als Mordecai Menahem Kaplan 1934 sein Buch «Judaism as a Civilization: Toward a Reconstruction of American-Jewish Life» veröffentlichte, sorgte er für grossen Aufruhr. Seine Idee, das Judentum als Kultur oder Zivilisation zu sehen, wurde von orthodoxer Seite nicht nur kritisiert, es kam sogar zu Verbrennungen seiner Bücher. Der 1881 in Litauen geborene Vater der Idee der «Rekonstruktion des Judentums» war ursprünglich orthodox, wurde 1902 am Jewish Theological Seminary in New York zum Rabbiner gekürt und begann seine Kariere in der orthodoxen Kehilat Jeshurun. Kaplan war Mitbegründer der bekanntesten modern-orthodoxen Bewegung der USA, der Young Israel, und der Society for Advancement of Judaism. Seine wichtigste Errungenschaft war jedoch die Einrichtung von Jewish Community Centers, kurz JCC, jüdischen Gemeindezentren, die Juden die Möglichkeit geben sollten, sich ausserhalb der Synagoge zu treffen.

Bereits 1854 wurde nach dem Vorbild der Young Men’s Christian Association, der bekannten YMCA, die Young Men’s Hebrew Association (YMHA) gegründet – die Young Women’s Hebrew Association (YWHA) folgte erst 1888. Die YMHA gründete 1874 das erste jüdische Gemeindezentrum New Yorks, das «92nd Street Y», das noch heute eines der bedeutendsten kulturell-jüdischen Zentren Amerikas ist.

Modernes europäisches JCC

Unter Kaplan wurde 1917 aus YMHA und YWHA der Jewish Welfare Board, später in Jewish Community Center Association umbenannt. Ein JCC ist eine sehr amerikanische Institution, und auch andere Immigrantengruppen hatten ihre eigenen Institutionen, die einerseits bei der Integration in die amerikanische Gesellschaft helfen, andererseits aber auch die eigene Kultur pflegen sollten. Kaplans Aufforderung, das Judentum als kulturelle und nicht als religiöse Gemeinschaft zu definieren und mit dem JCC einen jüdischen Kulturclub zu erschaffen, war damals jedoch revolutionär. Heute gibt es in den USA mehr als 350 JCC, das grösste in West Bloomfield in Michigan.

In Europa entwickelt sich die Idee, ein jüdisches Gemeindezentrum zu haben, in dem man nebst der Synagoge sozial zusammenkommen kann, erst langsam. Viele Synagogen haben zwar Gemeinderäume, die auch für soziale Veranstaltungen genutzt werden, aber nur wenige Städte verfügen über ein JCC im amerikanischen Sinn. Es erstaunt daher umso mehr, dass sich eines der modernsten JCC in Europa an einem Ort befindet, an dem man es vielleicht nicht erwartet hätte: in Bukarest, Rumänien.

Der Komplex, der mit Hilfe der Fed Rom, dem Verband jüdischer Gemeinden in Rumänien, dem Joint Distribution Committee und der Spitzer Family Foundation errichtet wurde, befindet sich nicht in der unmittelbaren Nähe der legendären Choral-Synagoge, sondern weiter südlich auf einer grauen Nebenstrasse, unweit der jüdischen Poliklinik. Etwa 8000 Juden leben heute in Rumänien, etwa die Hälfte in der Hauptstadt. Dazu kommen noch knapp 10000 Israeli, die in den letzten Jahren nach Bukarest gezogen sind und die für israelische Firmen wie Bank Leumi oder Kenvelo arbeiten.

Richtungsweisend für ganz Europa

Von dem reichen jüdischen Leben vor dem Holocaust ist nur wenig übrig geblieben. Und was die Nazis nicht zerstörten, fiel dem Wahnsinn des Ceausescu-Regimes zum Opfer. Von den knapp 100 Synagogen, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Bukarest existierten, überlebten neben der Choral-Synagoge lediglich zwei Gotteshäuser (beide werden heute als Museen genutzt) das Erdbeben von 1977 und Ceausescus Pläne einer totalitären Stadt mit einem kolossalen politisch-administrativen Zentrum.

Ohne Rücksicht auf die existierende Bebauung liess der rumänische Diktator eine zentrale Sichtachse, den Boulevard Unirii, errichten, der den Sieg des Sozialismus demonstrieren sollte. Über 20 Prozent der Innenstadt, darunter auch eine der ältesten Regionen der Stadt mit Kirchen und Synagogen, verschwanden innerhalb weniger Jahre spurlos. An ihre Stelle traten neue Symbole monumentaler Machtdemonstration, am bekanntesten wohl der Parlamentspalast.

Neben den drei Synagogen im ehemals jüdischen Viertel findet sich noch eine weitere, in den fünfziger Jahren erbaute, unweit von der Piata Romana, die von Chabad genutzt wird. Während die Einheimischen mehrheitlich zur Choral-Synagoge gehen, bevorzugen Israeli und andere Ausländer die Chabad-Gemeinde.

Bisher hatten die beiden Gemeinden nicht viel miteinander zu tun, doch nun ist durch das JCC Bewegung in die Gemeinden gekommen. Viele der Programme im JCC werden regelmässig von Israeli besucht, was vor allem am 33-jährigen Ofir Zviran, dem israelischen Betreiber der JCC-Bar Blue Lagoon, liegt. Der charismatische Israeli ist Teil eines jungen und dynamischen Teams, das das JCC leitet, darunter auch Dalia Gold, die 26-jährige Direktorin. Wenn man Bukarests graue Strassenszenen verlässt und in das JCC eintritt, erscheint es einem, als träte man von einer Welt in eine andere. Das Bukarester JCC, das sich mit Einrichtungen in den USA ohne Probleme messen kann, kommt einem vor wie eine Zukunftsvision.

Aber es sind nicht nur das Fitnessstudio, der Konzertsaal oder die Kindertagesstätte, die das JCC ausmachen, sondern vor allem, dass die überwiegende Mehrheit der Angestellten zwischen 25 und 35 Jahre jung ist. Dies wirkt umso beeindruckender, wenn man davon ausgeht, dass etwa 75 bis 80 Prozent der in Rumänien lebenden Juden über 60 Jahre alt sind. Das JCC ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass eine neue Generation von Gemeindemitgliedern zunehmend wichtige Rollen einnimmt. Wie Rabbiner Sorin Rosen sind auch Mona Bejan, die Leiterin der jüdischen Poliklinik, und Attila Gulyas, der Direktor des Sozialressorts der Gemeinde, um die 30. Mona Bejans Vorgänger war über 80 Jahre alt. «Es war nicht einfach, das Vertrauen der älteren Generation zu gewinnen. Junge Leute werden nicht immer ernst genommen», erklärt die 34-Jährige. «Aber man muss geduldig sein und darf niemals aufgeben.» Ebenso sieht es auch Attila Gulyas. Der dynamische 29-Jährige sieht das JCC als Meilenstein für die jüdische Gemeinde in Bukarest. «Was man hier sieht, ist ein Wunder», sagt er bei einem Gang durch das JCC, «ein wahres Wunder.»

Wunder oder nicht, eines steht fest. Das Bukarester JCC, das im April offiziell eröffnet wird, ist ein Hoffnungsträger für die jüdische Gemeinde Rumäniens, und nicht einmal Mordecai Menahem Kaplan hätte sich wahrscheinlich gedacht, dass Bukarest einst richtungsweisend für ganz Europa sein würde.





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